Für ein besonderes Erlebnis mit dem Publikum fallen mir viele Beispiele ein, wo ich mich von den Menschen im Saal getragen gefühlt habe. Vor allem, weil so viel Neugier und Aufmerksamkeit da war!
Im Rahmen des Diaghilev Festivals von Teodor Currentzis in Perm gab ich ein Konzert, bei dem das Publikum um mich herum auf dem Fußboden saß. Ich spiele normalerweise maximal eine Zugabe. Bei diesem Konzert gab es stehende Ovationen, und der Applaus war so stark, dass ich mich noch für ein Tschaikowsky-Lied entschieden habe. In Russland Tschaikowsky zu spielen und zu spüren, was das mit uns macht, war sehr emotional. Ich hatte selbst fast Tränen in den Augen. Es war unglaublich bewegend, wie mir die Menschen gezeigt haben, dass sie den Abend genossen haben und mich nicht gehen lassen wollten.
Von der Mentalität her als krasses Gegenteil, aber nicht weniger berührend, habe ich das Publikum bei einem Konzert in Tokio erlebt. Letztes Jahr habe ich das Violinkonzert meines Bruders Jörg Widmann in der Santory Hall uraufgeführt. Ich liebe diesen Saal: Er lebt und spricht, jedes kleine Geräusch wird poetisch. 25 Minuten lang war das Publikum hoch konzentriert. Die Japaner haben die Stille richtig zelebriert. Dann kam dieser rauschende Applaus, der einfach nicht mehr aufhörte, auch nicht, nachdem ich mehrmals von der Bühne abging. Japaner applaudieren weniger impulsiv, sie trampeln und brüllen nicht. Trotzdem hat mich diese Art der Anerkennung tief bewegt.
Spürt die Energie des Publikums: Carolin Widmann
Ganz frisch ist mein Eindruck von einem Konzert in São Paulo. Ich kam auf die Bühne und habe gleich gemerkt, dass das Publikum voll dabei ist. Die Luft hat richtig vibriert vor Spannung, die sich im heftigen Schlussapplaus entladen hat. Das war auch wunderschön.
Es kommt natürlich darauf an, was man spielt und wie das Stück endet. Das Violinkonzert von Felix Mendelssohn verführt dazu, aufzuspringen und loszujubeln. Die Lautstärke ist aber nicht ausschlaggebend dafür, wie sehr das Publikum den musikalischen Vortrag geschätzt hat. Manche Menschen rufen schnell „Bravo“ und eilen dann nach Hause. Das kann auch ernüchternd wirken. Beim Violinkonzert von Alban Berg, das am Ende eher entschwebt, haben die Menschen selten das Verlangen, tosenden Beifall zu spenden. Wie intensiv das Erleben der Musik war, spürt man dennoch.
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