Nachdem ich nun schon ein paar Jahre als Dirigent gearbeitet habe, weiß ich, dass jedes Publikum ganz anders ist, selbst wenn man den Menschen aus meiner Perspektive nicht direkt in die Augen blicken kann. Man hat als Dirigent von Konzertbeginn an ein Gespür dafür. Ich würde zwar nicht sagen, dass man Musik generell macht, um dem Publikum zu gefallen. Es ist ja keine Show, in der man ständig nachmessen müsste, was wie gut ankommt. Dennoch ist mir die Energie eines Publikums sehr wichtig.
Ein besonderes Erlebnis hatte ich 2010. Da habe ich in Straßburg „Deus Passus“ von Wolfgang Rihm dirigiert – eine Lukas-Passion, die mir in dieser Zeit sehr viel bedeutet hat. Es war auch das erste Mal, dass ich überhaupt eine Passion dirigiert und mich im Vorfeld intensiv mit dem Passions-Text auseinandergesetzt habe. Insgesamt war ich sehr ergriffen. Es waren irgendwie dunkle Wochen, nicht im negativen Sinne, aber ich habe diesen düsteren Stoff immer im Herzen mit mir herumgetragen. Leider konnte Rihm zu meinem großen Bedauern vor dem Konzert nicht zur Probe kommen, was er sonst mindestens einmal tut. So habe ich immer gehofft, der Musik auch ohne seine Anmerkungen gerecht zu werden.
Das Konzert war dann mit sehr guten Solisten, der Gaechinger Cantorey, der Stuttgarter Bachakademie und dem SWR Symphonieorchester, und ich bemerkte sofort eine unglaubliche Stille – obwohl der Konzertsaal voll war. Es war eine enorme Konzentration zu spüren. Sagen wir es so: Ich konnte das Publikum nicht sehen, daher habe ich gehofft, dass es Konzentration war und keine Langeweile.
„Der Text und die Musik haben alles rausgesaugt“
Gegen Ende dann – der letzte Text des Stücks stammt von Paul Celan, ein unglaublich starkes Gedicht – erinnere ich mich, dass eine Art Leere im Publikum entstand. Es war, als wäre das Publikum einfach verschwunden. Dieses Gefühl habe ich wirklich nicht oft. Der Text und die Musik haben einfach alles aus dem Saal herausgesaugt. Als ich dann fertig war, war ich zwar auf der einen Seite sehr berührt von der Musik, auf der anderen Seite aber fehlte mir diese Ekstase, die man oft nach Konzerten hat. Es folgte eine lange Stille im Publikum und dann ein kleines bisschen Applaus. Ich wusste in dem Moment nicht damit umzugehen. Also habe ich mich ganz langsam umgedreht und in den Gesichtern des Publikums gesehen, wie erschlagen sie waren. Und berührt. Und dann sehe ich plötzlich – ich habe es im Vorfeld wirklich nicht gewusst – Wolfgang Rihm! Sein Gesicht war mit Tränen bedeckt.
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