Die Donaueschinger Musiktage sind weltweit das älteste Festival für Zeitgenössisches. Hier wurde und wird Musikgeschichte geschrieben. Gegründet 1921, beim Aufbruch der Moderne nach dem Ersten Weltkrieg, prägten in den ersten Jahren Hindemith, Schönberg und Webern das Programm, später Stockhausen, Boulez und Nono.
Trotz ihrer langen Tradition sind die Donaueschinger Musiktage bis heute nicht museal erstarrt, sondern bleiben hochaktuell. Alljährlich im Oktober zieht das Festival internationales Publikum an. Lydia Rilling, die aktuelle künstlerische Leiterin, betont die Relevanz einer künstlerischen Perspektive gerade in krisenhaften Zeiten. Denn Kunst könne, statt „plakative Statements“ abzugeben, „subtiler politisch agieren, indem sie modelliert oder hinterfragt, wie Menschengruppen, Objekte und Ökosysteme einzeln oder gemeinsam funktionieren“, so Rilling im Vorwort des Programmbuchs zum Festivaljahrgang 2024.
Diesmal lautet das Motto „alonetogether“ – bewusst zusammengeschrieben. Es geht um die Dynamiken zwischen Individuum und Kollektiv – ein komplexes Spannungsfeld in Zeiten digitaler Vereinzelung, multimedialer globaler Vernetzung, gesellschaftlicher Partikularisierung und sozialem Erodieren.
Das Publikum als Teil des Kunstwerks
Wie dies konkret aussehen kann? Die künstlerischen Positionen in der Ausgabe 2024, vorwiegend Uraufführungen, dokumentieren dies: In einer der präsentierten Klanginstallationen hat das Publikum die Möglichkeit, selbst einzuwirken und so Teil des Kunstwerks zu werden. Zudem gibt es ein audiovisuelles Werk für den digitalen Raum, der mit avancierter Technik immersiv erlebbar wird – gemeinsam als jeweils individuelle Erfahrung.
In einem der unterschiedlichen Konzertformate erklingen Erinnerungen von geflüchteten Mitbürgern aus Donaueschingen, in einem anderen werden mit zehn Drumsets Solo und Gruppe verhandelt. Außerdem wird Orchesterklang mit einem KI-Solisten konfrontiert, und Klavierklänge verbinden sich mit akustischen Spuren entfernter Orte. Krieg und sexualisierte Gewalt werden beim Festival ebenfalls reflektiert. Müll wird zum Klingen gebracht, Erinnerungen aus analogen Jugendjahren kommen zu Gehör, Queerness wird kollektiv gefeiert. Neue Musik, tatsächlich am Puls der Zeit.