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FESTIVALGUIDE Zermatt 2015

Höhentraining für Bläser

Beim Zermatt Festival ringt das Scharoun Ensemble allsommerlich um Luft und Publikum inmitten des Nobelorts

vonTeresa Pieschacón Raphael,

„Z’Hore“ nennen die Walliser ihren Berg – fürwahr ein „harter Brocken“, dieses Matterhorn. Mindestens so hart wie die Honig-Mandel-Schokolade „Toblerone“, deren prismatische Form angeblich von der markanten Bergpyramide inspiriert wurde … Erstmals erklommen hatte selbige Edward Whymper vor 150 Jahren: Acht Anläufe brauchte der Engländer, dann stand er am Nachmittag des 14. Juli 1865 als Erster auf der 4478 Meter hohen Matterhornspitze und jubelte – wer ahnte in diesem Moment schon, dass beim Abstieg von der Nordwand vier der sieben Männer, die es mit Whymper auf den Gipfel geschafft hatten, mehr als tausend Meter tief in den Tod fallen würden … Der Schuh, mit dem einer von ihnen ausgerutscht war, kann heute im Museum von Zermatt besichtigt werden.

Damals berichteten die Zeitungen in aller Welt – und schlagartig wollten jeder den gefährlichen Berg in Augenschein nehmen. Aus darbenden Bergbauern wurden so in der Folge reiche Hoteliers, und das einst bettelarme Dorf am Fuße des Matterhorn mit seiner „Heidi-Kulisse“ verwandelte sich in einen Nobelort für Prominente und Popstars wie Robbie Williams, die sich bis heute hier vom Stress des Lebens erholen. Zwei Millionen Übernachtungen – bei knapp 6000 Einwohnern – zählt Zermatt im Jahr, Phil Collins hat hier ebenso schon logiert wie Kate Hudson oder Königin Silvia von Schweden. Da kann ein Kaffee auch mal 19 Euro kosten – je nach Kurs, der sich derzeit in hochalpinen Gefilden bewegt.

Berliner Sommerfrische im Mattertal

Was Prominenz wie Anni-Frid Lyngstad indes nicht davon abhält, hier sogar zu wohnen: Pünktlich zum runden Jahrestag hat die ehemalige ABBA-Sängerin – besser bekannt als Frida – mit ihrem Zermatter Kollegen Dan Daniell den Song „1865 – Die Hymne“ aufgenommen, der nun allerorten zum Erstbesteigungs-Jubiläum zu hören ist – inmitten all der anderen Alphorn-, Schwyzerörgeli- und Akkordeon-Folkloreklänge, die ohnehin während des ganzen Sommers in der Walliser Gemeinde zu vernehmen sind – und nicht zu vergessen die Klänge des Zermatt-Festivals, das seit zehn Jahren hier stattfindet: Seit 2005 verbringt nämlich das Scharoun-Ensemble der Berliner Philharmoniker seine Sommerfrische im Mattertal und pflegt eine Tradition, die ihren Ursprung in den 1950er Jahren nahm.

Waren es seinerzeit Pablo Casals und Clara Haskil, die jeden Sommer Meisterklassen in der Schweizer Bergwelt gaben, sind es heute die acht Philharmoniker um den Kontrabassisten Peter Riegelbauer, die sich aus dem Berliner Flachland in die Berge aufmachen, um im September zwei Wochen lang mit 35 bis 40 jungen Musik-Stipendiaten aus aller Welt zu arbeiten. Gemeinsam studieren sie Orchester- wie Kammermusikprogramme ein, die dann in der Pfarrkirche und im wahrscheinlich höchst gelegenen Konzertsaal Europas präsentiert werden: in der Riffelalp-Kapelle, exakt 2222 Meter über dem Meeresspiegel. Zwar fühlen sich die Bläser hier jedes Mal wie Anfänger und schnappen nach Luft; doch nach einigen Tagen des Höhentrainings legt sich die Kurzatmigkeit, und so zieht es denn auch dieses Jahr wieder renommierte Musiker wie Christian Zacharias, Stephan Genz oder Michel Dalberto in das Höhencamp.

Mag für die geschäftstüchtigen Zermatter Hoteliers dieses Klassik-Festival auch lediglich eine „Attraktion für die Zwischensaison“ sein, für das Scharoun-Ensemble ist es nicht nur ob der dramaturgischen „carte blanche“ ein kleiner Glücksfall. „Diese zwei Wochen sind für uns wie Ferien“, schwärmt Riegelbauer, der wie viele seiner Kollegen ein begeisterter Wanderer ist. „Musik mit Blick auf das Matterhorn – was gibt es Schöneres?“

Die Festivaldaten im Überblick:

Zeitraum: 11.9. – 20.9.2015

Ort: Zermatt

Künstler: Scharoun Ensemble Berlin, Christian Zacharias, Joachim Carr, Stephan Genz, Trio Nota Bene u. a.

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