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Internationale Maifestspiele Wiesbaden

Als der Kaiser noch mitmischte

Die Maifestspiele Wiesbaden feiern ihr 125-jähriges Bestehen zwar ohne Gastspiele, dafür aber mit einer aufwändigen „Ring“-Produktion

vonStefan Schickhaus,

Georg von Hülsen war ein Intendant von Kaisers Gnaden. Wilhelm II. hatte seinem Jugendfreund die Leitung des neu gebauten ­Theaters in Wiesbaden übertragen, und der wusste, wie er sich bei seinem Mentor bedanken konnte: Mit der „Veranstaltung von Zyklen glänzender Vorstellungen“ – so nannte von Hülsen das, was später als die Wiesbadener Maifestspiele bekannt werden sollte. Dabei mag es dem Intendanten auch darum gegangen sein, „das kunstsinnige Fremdenpublikum nach Wiesbaden zu ziehen“ und „der Stadt eine Entschädigung für die dem großartigen Prachtbau gebrachten Opfer zu bieten“. Doch nicht weniger wollte er seinem Kaiser ein repräsentatives Festspielprogramm präsentieren, und zwar immer im Mai, denn da weilte das Kaiserpaar in der mondänen Kurstadt. 1894 war das Theater eröffnet worden, bereits 1896 – also vor genau 125 Jahren – fand das erste Mai-Programm statt unter anderem mit vier Richard-Wagner-Opern.

Der Kaiser wollte sich in Wiesbaden aber nicht nur als Kultur­konsument sehen, sondern als aktiver Gestalter. Er mischte bei der Spielplangestaltung mit, entwarf Kostüme, beauftragte Autoren. Nicht zur allgemeinen Freude allerdings, denn die von ihm initiierten theatralen Heldengeschichten wurden von der Presse als „äußerst belanglos“ abgekanzelt, einem Drama wurde 1899 gar „Geschichtsfälschung sondergleichen“ vorgeworfen. Monarch und Intendanz schwenkten daraufhin um und verlegten sich auf unpolitisches Ausstattungs­theater, opulente Optik ersetzte nun die platte Hohenzollern-Verherrlichung.

Ein erstes Werk dieses neuen Stils war Carl Maria von Webers Oper „Oberon“, es muss eine Produktion von Grenzen sprengender Pracht gewesen sein. Die Bühnentechnik beeindruckte das Publikum ebenso wie die üppige Ausstattung, da wurde geklotzt, nicht gekleckert – und der Rubel rollte, von Einnahmen von mehr als einer Million Mark bis zum Jahr 1910 alleine durch die 162 ausverkauften „Oberon“-Aufführungen ist die Rede.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Internationale Opernensembles und Tanz-Compagnien in Wiesbaden

Die beiden Weltkriege führten zu mehrjährigen Pausen. 1950 dann bekam Wiesbaden seinen festlichen Mai zurück, und zwar als „Internationale Maifestspiele“. Besonders intensiv wurde dabei der Blick über den eisernen Vorhang gepflegt, die Festspiele wurden zum „Schaufenster des Ostens“ – was sogar das Auswärtige Amt auf den Plan rief, das die große Zahl an Gastspielen etwa aus Prag und Belgrad kritisierte. Beklatscht wurde das Who’s who der Bühnenkunst, von Maria Callas bis Rudolf Nurejew. In den Achtzigern gab es auch Jahre der „anderen Maifestspiele“, die dem Starkult entsagten und alternative Aktionen der freien Wiesbadener Kulturszene boten.

Doch heute verbindet man mit dem Wiesbadener Mai in erster Linie Gastspiele internationaler Opern- und Theaterensembles sowie Tanz-Compagnien, dazu mit namhaften Gastsängern angereicherte Eigenproduktionen. Wobei das „Heute“ natürlich eingeschränkt werden muss: 2020 konnte nur ein rudimentäres „Maifestspiel-Special“ auf die Bühne kommen, immerhin die erste deutsche Bühne, die damit nach dem ersten Corona-Lockdown wieder den Vorstellungsbetrieb aufgenommen hatte. Und auch 2021 wird der Spielplan ganz anders aussehen als eines 125-Jahre-Jubiläums würdig. Keine Gastspiele, nur Hausprogramm, darunter aber immerhin Wagners „Ring“ in Top-Besetzung, an dem der als rebellisch, wenn nicht gar halsstarrig geltende Intendant Uwe Eric Laufenberg unbedingt festhalten möchte, dem Vernehmen nach gegen den Willen des Orchesters. Notfalls eben nur mit Klavierbegleitung. Wenn das der Kaiser noch hätte erleben müssen!

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