Wenn Pjotr I. Tschaikowskys „Souvenir de Florence“ bei den 15. Internationalen Schostakowitsch-Tagen Gohrisch erklingt, ist das keineswegs eine unbegründete Caprice des künstlerischen Leiters Tobias Niederschlag. Das Streichsextett gehört zu den Lieblingsstücken von Dmitri Schostakowitschs dritter Ehefrau Irina Antonowna Supinskaja. Sie erhält am 29. Juni in der Kulturscheune Gohrisch den Schostakowitsch-Preis des Festivals. Den Kurort in der Sächsischen Schweiz an der Grenze zu Tschechien hatte sie mit ihrem Mann 1972 besucht. Dieses Jahr erklingen Schostakowitschs Werke vor allem in Beziehung zu den von ihm verehrten Modest Mussorgski und Alexander Raskatov (geb. 1953). In Raskatovs Kompositionen finden sich auch Einflüsse von Igor Strawinsky und Anton Webern. Seine 2023 in Amsterdam uraufgeführte Orwell-Oper „Animal Farm“, deren Erfolg sich an der Wiener Staatsoper fortsetzt, zeigt Raskatovs Faszination für groteske Spielsituationen wie Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“.
Das auf Schostakowitsch spezialisierte Quatuor Danel spielt dessen Streichquartette Nr. 9 und Nr. 14. Gidon Kremer kommt erneut mit dem Kammerorchester Kremerata Baltica. Er präsentiert Stücke aus Osteuropa von Erkki-Sven Tüür, Grażyna Bacewicz, Tālivaldis Ķeniņš, Alfred Schnittke und des ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov (Träger des Schostakowitsch-Preises 2022).
Posthume Uraufführung bei den Internationalen Schostakowitsch-Tagen
Als roter Faden durchziehen Lieder und Vokalkompositionen die Kammerkonzerte. Pianistin Nathalia Milstein führt mit Mezzosopranistin Ema Nikolovska Schostakowitschs „Satiren“ op. 109 auf. Zur Preisverleihung gestalten Elena Vassilieva und Milstein den Irina Antonowna gewidmeten Liedzyklus „Black Sun“ von Raskatov. Als Uraufführung erklingen mit dem Bass Alexandros Stavrakakis Modest Mussorgskis „Lieder und Tänze des Todes“ in der Einrichtung von Dmitri Jurowskis. Matthias Goerne und der Pianist Alexander Schmalz gestalten in einem Liederabend Schostakowitschs seiner Frau gewidmete Suite nach Gedichten von Michelangelo Buonarroti op. 145. Goerne singt zudem die posthume Uraufführung einer unvollendeten Romanze Schostakowitschs auf ein Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko, die Raskatov vervollständigte.