Kann es stattfinden, kann es nicht stattfinden? Wenn ja: unter welchen Auflagen? Welche Kompromisse werden wir eingehen müssen? Bleibt die künstlerische Idee erhalten? Wie reagiert das Publikum? Diese und andere Fragen mussten sich Veranstalter und Künstler in den vergangenen Monaten permanent stellen. Eine kräftezehrende Aufgabe. Bei einzelnen Konzerten mag die Antwort einfach, wenn auch teilweise schmerzlich gewesen sein. Bei Operninszenierungen oder Festivals, die in ihrer langjährigen Planung, Vorbereitung und Realisierung hochkomplex sind, gibt es keine einfachen Antworten. Wirklich zufrieden kann niemand sein, der über Jahre ein so hohes programmatisches wie auch individuell-künstlerisches Level wie das Musikfest Berlin aufbauen und halten konnte. Und dennoch: „Angenehm sind die erledigten Arbeiten“, um mit Cicero zu sprechen. Das Programm steht, der Kartenverkauf läuft, die neue Konzertsaison ist eröffnet.
Intimes Get-together
Berlin lädt auch 2020 zum traditionellen Musikfest ein – wenn auch nicht die ganze Welt. Die großen internationalen Orchester, die dem 1951 als „Berliner Festwochen“ gegründeten Get-together treu verbunden sind, müssen aufgrund der Coronakrise zu Hause bleiben. Kein Les Siècles mit François-Xavier Roth, kein Concertgebouw-Orchester. Die Devise „Stay at home“ ist bitter für alle Beteiligten. Stattdessen bleiben die Berliner Orchester und Ensembles weitgehend unter sich. Ein paar Anreisekilometer müssen lediglich einige Solisten und Gäste wie das Klangforum Wien und das Ensemble Modern zurücklegen. Erstaunlich dabei: Waren es 2018 noch 27 Veranstaltungen und 2019 insgesamt 26, werden es in diesem Jahr 33 sein. Das mag auch daran liegen, dass sich ein ganz bestimmter Pianist auf eine Tour de Force begibt und dabei allein acht Auftritte bestreitet: Igor Levit spielt alle 32 Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven und setzt damit ein Zeichen im Jubiläumsjahr. Das Revolutionäre und Zukunftsweisende des so Geehrten findet sich auch im Motto des Festivals, das mit neun Uraufführungen seine Verpflichtung gegenüber dem zeitgenössischen Wirken ungebrochen nachkommt. Dagegen mussten einige Würdigungen des „Titanen“ ins nächste Jahr verschoben werden, so beispielsweise die Aufführung der „Missa solemnis“ mit dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique und dem Monteverdi Choir unter der Leitung von John Eliot Gardiner. Schade, aber auch gut, denn Beethoven ist eigentlich immer. Wenn nicht heute, dann eben morgen.
Nicht die Hoffnung verlieren!
Trotz aller Rückschläge in seinem Leben, der teilweise schmähenden Kritik seiner Werke und der kontinuierlich abstürzenden gesundheitlichen Verfassung schien Beethoven nie aufgeben zu wollen. Auch im Angesicht der nahenden Taubheit blieb sein Tagespensum enorm, die Subtilität seiner Kompositionstechnik steigerte sich gar noch. „Die Hoffnung nährt mich, sie nährt ja die halbe Welt, und ich habe sie mein Lebtag zur Nachbarin gehabt; was wäre sonst aus mir geworden?“, schrieb er. Beim Musikfest Berlin werden die Berliner Philharmoniker, das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, das Konzerthausorchester Berlin und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin jeweils eine seiner großartigen Sinfonien spielen.
concerti-Tipp:
Musikfest Berlin 2020 – Beethoven und die Musik unserer Zeit
Di. 25.8.–Mi. 23.9.2020
Mit: Berliner Philharmoniker, Staatskapelle Berlin, DSO, RSB, RIAS Kammerchor Berlin, Klangforum Wien, Igor Levit, Nicolas Altstaedt u.a.