„Da röhrt es und lallt’s, Aufschreie ertönen und Gelächter, es wird gejohlt, losgeheult, aber auch sirenenhaft gesungen.“ So beschrieb 1970 der Komponist Dieter Schnebel neuere Tendenzen in der Vokalmusik. Knapp fünfzig Jahre später rückt nun ein ganzes Festival die Ausdrucksvielfalt der menschlichen Stimme in den Fokus. Noch bis zum 22. Januar präsentiert „Ultraschall Berlin – Festival für neue Musik“, veranstaltet von Deutschlandradio Kultur sowie vom Kulturradio des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb), in insgesamt 14 Konzerten rund ein Dutzend Ur-und Erstaufführungen.
Im Heimathafen Neukölln etwa hebt der Countertenor Daniel Gloger Alberto Hortigüelas Stück „Caligaverunt oculi mei“ aus der Taufe, dessen Verse aus den Karfreitag-Responsorien des spanischen Vokalpolyphonisten Tomás Luis de Victoria bestehen und die existenzielle Verlorenheit der Menschen unmittelbar nach dem Tod Christi zum Ausdruck bringen (20.1., 22 Uhr). Die schwedische Folk- und Jazzsängerin Lena Willemark und das ensemble recherche wiederum begeben sich in die nordische Sagenwelt mit Karin Rehnqvists neuer Komposition „Nine nights“, die vom sogenannten „Kulning“ geprägt sind, einer traditionellen skandinavischen Gesangstechnik, in der die Sänger Brust- und Kopfstimme deutlich voneinander trennen und gänzlich ohne Vibrato singen (21.1., 17 Uhr). Neben der Erforschung stimmlicher Möglichkeiten erklingen während des Festivals auch neue Instrumentalwerke. Im Eröffnungskonzert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin dirigierte Johannes Kalitzke seine eigene Komposition „story teller“, ein Auftragswerk des rbb für den Solo-Cellisten Johannes Moser. Für das Ensemblekollektiv Berlin hat Marc Sabat „Asking ocean“ für solistisches Streichquartett und 18 Instrumente geschrieben.
Nicht weniger spannend sind Fundstücke aus vergangenen Jahrzehnten, die international weitgehend unbekannt sind. So unternimmt das Solistenensemble Phønix16 unter Leitung von Timo Kreuser mit Werken aus der Türkei, Griechenland, Serbien, Kroatien und Slowenien eine musikalische Reise über die Balkanroute (20.1., 19.30 Uhr, Heimathafen Neukölln). Sie stammen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, wurden aber meist nur in den Ländern der Komponisten gespielt. In ihrer Klangsprache und nicht zuletzt auch im Kontext der Flüchtlingsdebatte sind sie zurzeit hochaktuell. „Jede Lautäußerung eines Menschen ist auch weit über die Sprache hinaus spürbar geprägt von seiner Herkunft“, erklärt Andreas Göbel vom rbb, der das Festival zusammen mit Rainer Pöllmann (Deutschlandradio Kultur) leitet.
Von den Altmeistern der Neuen Musik sind in diesem Jahr neben Schnebel auch Mauricio Kagel, Iannis Xenakis, Harrison Birtwistle, Helmut Lachenmann, György Kurtág und Wofgang Rihm vertreten.