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Interview Alice Sara Ott

„Das Wichtigste ist, spontan zu bleiben“

Die Pianistin Alice Sara Ott über das Spielen im Dunkeln, den Duft von Chopin und ihre gespaltene Identität

vonDagmar Leischow,

Alice Sara Ott, 23-jährige Tochter einer Japanerin und eines Deutschen, spricht schnell und scheut sich nicht, eigene Gedanken zu entwickeln. Dass sie auch als Pianistin ihren eigenen Kopf hat, hat ihr einen Exklusiv-Vertrag bei der Deutschen Grammophon eingebracht. Auf ihrem Debüt hat sie sich Chopins Walzern bemerkenswert einfühlsam genähert. Im Juli ist ihre neue CD mit Beethoven-Sonaten erschienen.

Frau Ott, Ihre Mutter ist ebenfalls Pianistin. War sie wirklich dagegen, dass Sie Klavier spielen?

Ja. Zwar stand bei uns daheim ein Flügel, aber meine Mutter wollte uns Kinder nicht in seine Nähe lassen. Sie hatte einfach Angst, dass uns dieses Instrument zu sehr einschränken würde. Deswegen ermutigte sie uns, andere Dinge auszuprobieren. Ich bekam zum Beispiel Ballettunterricht. Allerdings hatte ich überhaupt kein Talent zum Tanzen.

Und dann durften Sie doch Klavierstunden nehmen?

Dafür musste ich ein Jahr lang sehr, sehr hart kämpfen. Ich habe nicht locker gelassen, weil ich schon als kleines Kind gemerkt habe: Mit Musik kann ich meine Empfindungen wesentlich besser ausdrücken als mit Worten. Am Piano manipuliere ich nichts. Jede Emotion strömt intuitiv und direkt aus mir heraus.

Vor allem, wenn Sie im Dunkeln spielen?

Tatsächlich lösche ich beim Üben gern das Licht. Dann kann mich nichts Visuelles ablenken – und ich spüre die Töne im ganzen Körper. Das Sehen ist nicht wichtig, wenn man am Flügel sitzt. Letztlich sollte jeder Musiker im Stande sein, seine Stücke blind zu spielen.

Trotzdem werden Sie auf der Bühne stets in Scheinwerferlicht getaucht.

Leider! In einem komplett abgedunkelten Konzertsaal würden die Zuhörer die Töne ebenfalls völlig neu erfahren. Sie könnten sich uneingeschränkt auf das Klangerlebnis konzentrieren. Das wäre nicht nur für sie der Idealzustand, sondern auch für uns Künstler.

Was bedeutet es Ihnen, vor Publikum aufzutreten?

Für mich geht nichts über diesen einzigartigen Moment, in dem ich meine Musik erstmals mit anderen Menschen teile. Plötzlich durchschaue ich jede Nuance einer Komposition, ich scheine an ihr zu wachsen. Mit Chopins Walzern ging es mir jedenfalls so. Da merkte ich bei meinen Auftritten: Das ist der Duft, den ich schon ewig lange gesucht habe.

Wie kann man denn Akkorde erschnuppern?

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, das zu erklären. Ob die Stücke jetzt nach Rosen oder nach Pferdeäpfeln riechen, kann ich nicht genau sagen. Aber als ich in Polen auf dem Land spazieren ging, dachte ich mir: Diesen Duft muss Chopin bis zu seinem Tod in Paris in sich getragen haben. Er konnte ihn sich stets in Erinnerung rufen. Und das spiegelt sich eben in seinen Werken wider. Wenigstens für mich.

Würde es Sie reizen, Ihre These mit Chopin zu diskutieren?

Auf jeden Fall. Es wäre mein Traum, jeden Komponisten einmal persönlich treffen. Vor allem Liszt oder Paganini. Mit ihnen läge ich wahrscheinlich eher auf einer Wellenlänge als mit Chopin. Er war mir ein bisschen zu weiblich.

Und zu schwermütig?

Komischerweise nicht. Ich muss mich nicht einmal verbiegen, damit ich Chopins Schwermut, seine Verzweiflung nachvollziehen kann. Obgleich ich eigentlich eine echte Frohnatur bin, gibt es in meinem Leben auch dunkle Momente. Bisweilen fühle ich mich als Tochter eines Deutschen und einer Japanerin zwischen den Kulturen hin und her gerissen. Ich hadere mit meiner gespaltenen Identität.

Welche typisch japanischen Eigenschaften machen Sie bei sich aus?

Ich bilde mir ein, ein extrem höflicher Mensch zu sein. Für alles bedanke ich mich wenigstens fünf, sechs Mal. Ein einfaches Danke genügt mir nicht. Andererseits: Ich bin sehr direkt, und das liegt wohl an meinen deutschen Genen.

Würden Sie anders sein, wenn Sie in Japan aufgewachsen wären?

Vielleicht. Allerdings war ich zwischen meinem dritten und meinem zwölften Lebensjahr überhaupt nicht dort. In dieser Zeit fehlte mir also der direkte Kontakt zur japanischen Kultur. Jetzt bin ich aber häufiger dort. Schließlich sind mir meine Wurzeln wichtig.

Reisen Sie am liebsten nach Tokio?

Natürlich ist diese Stadt eine wahnsinnig spannende Metropole. Für mich repräsentiert aber Kyoto mit seinen Teehäuser und Tempeln am ehesten die japanische Kultur.

Fragen Sie sich manchmal, wo Sie wirklich zu Hause sind?

Ja. Gewiss wohne ich gern in München – derzeit gäbe es für mich keine Alternative zu dieser Stadt. Trotzdem spüre ich: Weder in Deutschland noch in Japan gehöre ich richtig dazu. Am ehesten gibt mir die Musik eine Art Heimatgefühl. Egal, wo ich spiele, ich werde überall richtig warmherzig empfangen.

Wollten Sie deshalb professionelle Pianistin zu werden?

Für mich war dieser Weg immer vorgezeichnet. Als Dreijährige besuchte ich mein erstes Konzert, fortan hatte ich nur diesen einen Berufswunsch. Sicher gab es auch schwierige Phasen. Plötzlich schien keiner mehr zu mir zu stehen – außer meiner Familie. Zum Glück hatte ich meine japanische Großmutter, die mir in solchen Situationen wieder Mut machte. „Wenn du ganz fest an etwas glaubst, dann geht dein Wunsch in Erfüllung“, pflegte sie zu sagen. Letztlich hatte sie recht.

Was hat ihr Tod für Sie bedeutet?

Er traf mich tief. Wenigstens konnte ich ihr das Sterben ein wenig erleichtern. Ich setzte mich ans Klavier und spielte ihr am Telefon Chopins a-Moll-Walzer vor. Sie schloss ihre Augen, atmete allmählich seichter, schließlich ging sie zu diesen Klängen von uns. Deswegen ist dieses Stück mein persönlicher Abschiedswalzer.

… den Sie stets perfekt interpretieren wollen?

Ich gehöre nicht zu denen, die nach absoluter Perfektion streben. Viel wichtiger ist es doch, spontan zu bleiben. Man sollte allzeit auf das reagieren, was einem der Augenblick gerade zu bieten hat, finde ich.

Wie schwierig ist das, wenn man so große Hände wie Sie hat?

Nun, weite Sprünge fallen mir relativ leicht. Auf der anderen Seite tue ich mich mit kleinen Läufen und Thrillern schwer. Weil sich meine Finger dabei fast verheddern.

Ist Ihnen Ihre Schwester in diesem Punkt überlegen?

Wir stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Im Gegenteil: Wenn die eine ein Klavierkonzert einstudiert, kann sie die andere begleiten. Sicher kritisieren wir uns gegenseitig, dabei sagen wir uns ganz deutlich die Meinung. Aber es geht nicht darum, wer von uns beiden nun die bessere Pianistin ist. Zumal uns mein Vater und meine Mutter nie gegeneinander ausgespielt haben.

Sie hatten also keine überehrgeizigen Eltern?

Gott sei Dank nicht. Sie sind für uns da, ohne in den Vordergrund zu treten. Und das ist gut so. Hätten sie mich ständig unter Druck gesetzt, dann hätte ich spätestens in der Pubertät rebelliert. Ich bin nämlich ziemlich eigensinnig. Niemals würde ich mich gegen meinen Willen zu etwas drängen lassen.

Wären Sie für ein Crossover-Projekt offen?

Ich bewege mich lieber in der Welt der Klassik. Schließlich gibt es dort für mich noch jede Menge zu entdecken.

Zum Beispiel zeitgenössische Musik?

Warum nicht? Ich habe mich schon mehrfach an die Werke verschiedener Komponisten herangetastet. Sie forderten mich extrem. Zugleich war es unglaublich spannend, sich intensiv mit ihnen zu beschäftigen. Ich weiß aber, solche Klänge sind sehr weit weg von den Hörgewohnheiten des Publikums. Darum tun sich die meisten Menschen naturgemäß schwer mit ihnen. Wenn ich es recht bedenke, ziehe auch ich ein romantisches Stück dem modernen vor.

Weil es einfacher zu interpretieren ist?

Das glaube ich nicht. Nehmen Sie Chopins Walzer: Es war nicht so, dass ich sie als Kinderspiel empfunden hätte. Anfangs tat ich mich sehr schwer mit ihnen. Weil Chopin dem gängigen Dreivierteltakt eine Rhythmusverschiebung entgegengesetzt hat. Im Grunde kommt es darauf an, die linke Hand zu verstehen. Erst dann weiß man, welche Stimmen man hervorheben soll, welche Tempi die richtigen sind.

Wieso behaupten Sie, Chopin selbst habe am Flügel nicht eben große Töne erzeugt?

Bilder von Chopin belegen: Er war eine recht zierliche Person. Deswegen war es für ihn fast unmöglich, mit einem Riesenvolumen Piano zu spielen. Er beherrschte kein Fortissimo, sondern war eher ein Klangpoet.

Hatte er Humor?

Ich bin ziemlich sicher, dass im Minutenwalzer ein ironisches Augenzwinkern steckt. Da dürfte das kleine Hündchen von George Sand Chopins Inspirationsquelle gewesen sein. Es drehte sich im Kreis und jagte seinen eigenen Schwanz. Das setzte er musikalisch um. Oder schauen Sie sich seine Karikaturen an – die sind ebenfalls lustig.

Inwiefern bedingen Kunst und Musik einander?

Was mich betrifft: Ich kann aus jedem Bild etwas für mein Klavierspiel ziehen. Überhaupt fließen alle Eindrücke in meine Art des Spiels ein. Insofern ist ein Museumsbesuch für mich stets ein aufwühlendes Erlebnis. Die Farben und Formen eines Werkes springen mich förmlich an. Ich entdecke in ihnen die Gedanken des Malers.

Und wie spüren Sie den Intentionen eines Komponisten nach?

In der Regel begnüge ich mich nicht allein mit dem Studium der Noten. Ich lese Biografien, Briefwechsel. All das füge ich wie ein Puzzle zusammen. Bis ich weiß, was jemand gedacht und gefühlt hat, welche Emotionen er in seine Klänge gelegt hat. Das setze ich dann am Klavier um, das ja – im Gegensatz zum Cello oder zur Geige – kein Melodieinstrument ist. Seine Wucht, sein großer Klang haben mich schon immer fasziniert. Ich denke, mein Flügel und ich, wir passen charakterlich einfach perfekt zusammen.

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