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Elbphilharmonie Schwerpunktreihe Mieczysław Weinberg

Völlig unerklärlich, warum die Klassikwelt ihn konsequent links liegen ließ

Zum 100. Geburtstag ehrt eine Schwerpunktreihe in der Elbphilharmonie den polnischen Komponisten Mieczysław Weinberg.

vonMaximilian Theiss,

Auch in der Klassikwelt kommt es zu manch glücklicher Fügung. Die Weinberg-Renaissance der letzten Jahre etwa hat dazu geführt, dass der 1996 verstorbene Komponist jetzt, kurz vor seinem hundertsten Geburtstag im Dezember, in aller Munde und Ohren ist. Ohne diese Wiederentdeckung wären heute all die großformatigen Zyklen und Schwerpunktreihen zu Mieczysław Weinberg wie jene in der Hamburger Elbphilharmonie im Oktober undenkbar gewesen.

Vier Fachleute für Zyklen im Allgemeinen sind die Musiker des Quatuor Danel: Sämtliche Streichquartette von Haydn, Beethoven und Schubert hat das Ensemble eingespielt – natürlich –, aber auch die Zyklen des türkischen Komponisten Ahmed Adnan Saygun sowie von Dmitri Schostakowitsch und eben Mieczysław Weinberg. „Wenn man sämtliche Streichquartette eines Komponisten spielt oder hört, ist das so, als lasse man das gesamte Leben des betreffenden Komponisten Revue passieren“, äußerte sich Primarius Marc Danel im Vorfeld der US-Premiere des Zyklus sämtlicher Weinberg-Quartette in diesem Jahr. Bei Weinbergs Zyklus jedoch verhalte es sich so, als würde man das Leben eines völlig unbekannten Menschen kennenlernen.

Weinberg nur ein zweitrangiger Schostakowitsch?

Mieczysław Weinberg

Seit Mitte der Neunzigerjahre, als Schostakowitschs Witwe Irina das Ensemble von Weinbergs Schaffen überzeugt hat, nimmt das kammermusikalische Œuvre des polnischen Komponisten für das Quatuor Danel eine herausragende Stellung ein. Für die erste Gesamteinspielung von Weinbergs Streichquartetten nahm sich das Ensemble fünf Jahre Zeit. Einige der 17 Quartette waren Ersteinspielungen, das sechste hat das Quatuor Danel auch uraufgeführt – vierzig Jahre nachdem es geschrieben wurde. „Es war eine Ehre für uns, hätte aber keine Ehre sein dürfen“, fasst Marc Danel das Dilemma zusammen, hätte doch das Werk in seinen Augen gleich nach seiner Entstehung ins Standardrepertoire der Kammermusik Eingang finden sollen.

Wie es dazu kam, dass Weinberg von der Klassikwelt derart lange konsequent links liegen gelassen wurde, können sich selbst jene Musiker nicht erklären, deren Repertoirekenntnisse als unanfechtbar gelten. „Ich selbst lebte mit dem Vorurteil, dass er nur ein zweitrangiger Schostakowitsch gewesen sei“, gesteht etwa Gidon Kremer, der mit seiner Kremerata Baltica ebenfalls am Weinberg-Schwerpunkt in der Elbphilharmonie teilhat, und schiebt unmissverständlich hinterher: „Was für ein Fehler!“ Das dritte an der Konzertreihe beteiligte Ensemble ist das Szymanowski Quartet, das zusammen mit Michail Lifits weitere kammermusikalische Facetten Weinbergs beleuchtet. Wie das Quatuor Danel sind auch diese fünf Musiker bedeutende Interpreten für Werke des 20. Jahrhunderts.

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