In den letzten Jahren ist es zur Mode geworden, berühmte Sakralkompositionen aus den manchmal einengend wirkenden Kirchenräumen zu befreien, um sie losgelöst von ihrer konzertanten Aufführungstradition in profanen Räumen zu inszenieren. Wohl kaum ein Werk eignet sich dafür so gut wie Bachs gute alte „Johannespassion“, die sich mit ihren emotionalen Solopartien und dem zuweilen brachialen Chor als Musikdrama entpuppt, das solcherlei Qualität auch auf einer Bühne unter Beweis stellen kann. Immerhin wird hier ein vermeintlicher Aufrührer zum Tode verurteilt und hingerichtet – durch ein blindwütiges Volk, angestachelt von einem Demagogen.
So etwas könnte sich genauso gut heute wiederholen, sogar in einer alten Werkstatthalle. Auf dem alten Friedrichshainer Reichsbahnausbesserungsgelände befragt der vielfach preisgekrönte Berliner Kammerchor „ensemberlino vocale“ Bachs Stück genau nach seiner Gültigkeit in der Gegenwart. Während der biblische Bericht für sich steht, werden die betrachtenden Arien und Choräle mit live projizierten Videos von Katharina Tress ins Heute geholt. Spannungsvoll!