Nach sechzehn gemeinsamen Jahren heißt es Abschied nehmen. Das morgige Konzert auf der Waldbühne ist nicht nur das Saisonabschlusskonzert der Berliner Philharmoniker, sondern auch das letzte von Sir Simon Rattle als Chefdirigent des Orchesters. Der Brite gilt als Modernisierer der Philharmoniker, als derjenige, der sie musikalisch ins 21. Jahrhundert gebracht hat. Erreicht hat er das vor allem mit einem ausnahmslos durchmischten Programm, in dem eine Vielzahl zeitgenössischer Werke von Thomas Adès oder Jörg Widmann ihren Platz gefunden haben.
Simon Rattle schaffte es, dem Publikum auch schwierige Musik zugänglich zu machen
In den vergangenen Jahren zeichnete sich Simon Rattles Arbeit am Pult besonders dadurch aus, dass er keine besonderen Schwerpunkte auf einen Komponisten oder eine Stilrichtung legte. Vielfalt ging vor, und so fanden sich Werke von Jean-Philippe Rameau ebenso auf dem Spielplan wie von Helmut Lachenmann. An letzteren musste sich das Publikum zwar gewöhnen, doch Rattle schaffte es, die Zuhörer in immer neue Klangwelten mitzunehmen und dafür zu begeistern. Gelungen ist ihm das auch durch die sogenannte „Tapas-Reihe“, in der sehr kurze, zeitgenössische Werke aufgeführt wurden.
Daneben wurden er und das Orchester vor allem durch die vielen Konzertreisen und Education-Programme einem internationalen Publikum bekannt. Das wohl berühmteste Projekt wurde in dem Dokumentarfilm „Rhythm Is It“ festgehalten. Dabei studierten 250 Kinder und Jugendliche aus 25 verschiedenen Nationen, die vorher keinen oder nur wenig Bezug zur klassischen Musik hatten, gemeinsam eine Choreografie zu Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ ein. Bei der Aufführung in der Arena Berlin wurden sie musikalisch von den Philharmonikern begleitet.

Auch mit der Digital Concert Hall setzten Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker Maßstäbe und revolutionierten das moderne Konzerterlebnis. Auf dieser digitalen Plattform können die Konzerte des Orchesters entweder live miterlebt oder zu einem späteren Zeitpunkt in der Mediathek abgerufen werden. Zusätzlich finden sich dort Einblicke in den Orchesteralltag sowie Interviews mit den einzelnen Musikern.
Keine Zeit für Wehmut
Schon vor seinem Einstand als Chefdirigent hatte Simon Rattle mehrere Konzerte mit dem Orchester gegeben. Unvergessen blieb ihm besonders das erste, wie er am Mittwochabend bei seinem letzten regulären Konzert in der Philharmonie erzählte: Ein Berliner Taxifahrer setzte den damals erst 31-Jährigen wortlos vor der Philharmonie ab und fuhr davon. Rattle, aufgeregt und unerfahren, konnte zunächst den Eingang nicht finden und fürchtete, zu spät zur Probe zu kommen. Nach langem Umherirren schaffte er es doch noch pünktlich und das Konzert wurde ein Erfolg. Gespielt wurde an jenem Abend 1987 Gustav Mahlers sechste Sinfonie – dasselbe Werk, das auch am Mittwoch auf dem Spielplan stand und mit dem sich Rattle offiziell vom Berliner Publikum verabschiedete.
Am morgigen Abend wird auf der Waldbühne unter dem Motto „Goodbye, Sir Simon!“ kein Mahler gespielt, sondern Werke von Gershwin, Fauré, Chatschaturjan und Respighi. Gemeinsam mit Rattles Frau, der Sopranistin Magdalena Kožená, werden Dirigent und Orchester zudem eine Auswahl von Joseph Canteloubes „Chants d’auvergne“ interpretieren. Und zum Schluss? Da wird es wie eh und je Paul Linckes Marsch „Berliner Luft“ geben, der bei keinem Waldbühnenkonzert fehlen darf und mit dem der Maestro sowohl die Saison als auch seine Funktion als Chefdirigent beenden wird. Doch für Wehmut bleibt keine Zeit: Bereits für die nächste Saison der Berliner Philharmoniker sind weitere Konzerte mit Sir Simon Rattle am Pult geplant.
Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker spielen gemeinsam „Berliner Luft“ von Paul Linkcke:
concerti-Tipp:
3sat
So. 24.6., 20:15 Uhr
Das Abschiedskonzert von Sir Simon Rattle in der Waldbühne
Magdalena Kožená (Sopran), Berliner Philharmoniker, Simon Rattle (Leitung)
Werke von Gershwin, Fauré, Chatschaturjan, Respighi & Canteloube