Erde zu Erde. Der Tod nährt das Leben. Tief wurzelt, was grünt und blüht, tief auch der Mensch, im Humus. Dem Zerfallsprodukt, aus dem neue Generationen geboren werden. Bühnenbildner Fabian Wendling ersinnt an der Oper Frankfurt für „Intérieur“ – das mittlere der drei von Aribert Reimann zusammengefassten und vertonten Dramen Maurice Materlincks – eine blühende Landschaft, in der sich vergnügt picknicken und Federball spielen lässt. Doch bricht wie in den beiden anderen Stücken des 2017 an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführten Triptychons „L’Invisible“ auch hier der Tod herein. Eine der Töchter aus, wie es scheint, glücklicher Familie gibt der Fluss nurmehr als Wasserleiche her.
Beinahe schon strecken die überlangen Wurzeln die Fühler nach ihr aus. Der Finder und ein alter Mann aus dem Ort sollen die Trauerbotschaft überbringen. Angesichts der familiären Idylle auf der Blumenwiese zögern und zaudern die beiden mit der Hiobspost: Bis sie vor der Entscheidung stehen, ob sie selbst die schreckliche Kunde melden oder die Familie von Nachrichten aus zweitem oder gar drittem Mund ereilt wird.

Regisseurin Daniela Löffner dehnt die spannungsgeladene Unentschiedenheit der beiden Männer ins schier nicht länger Auszuhaltende. Desto heftiger der Ruck, den sie sich geben, um im allerletzten Augenblick richtig zu handeln und die Hinterbliebenen vor öffentlicher Zudringlichkeit zu bewahren. Genauestens hört da Löffner über Maeterlincks scheinbar alltägliche, doch tatsächlich hochsymbolische Sprache hinaus mitten in Reimanns Partitur hinein. Das Orchester taucht des Dramatikers Idiom in mystische Holzbläserfarben. Löffner will da nichts analysieren, sie gibt dem Enigmatischen Raum. Den Figuren gönnt sie alle Zeit der Welt, um sich in die bald kreisenden, bald mäandernden Gesangslinien einzuspinnen. Der Tod bleibt ein Rätsel. Einzig auf seine Unausweichlichkeit hinweisen lässt sich.
Biederer Konversationston und aufrührerische Melodik
Schon, weil „L’Intruse“ – das Eröffnungsstück des Triptychons – weder textlich noch musikalisch an „Intérieur“ heranreicht, verharrt Löffner anfänglich im Konventionellen: Eine Familie täuscht sich über den moribunden Zustand der Mutter im Kindbett hinweg. Auch um das Neugeborene ist es ungut bestellt. Schon scheint der Tod ums Haus zu schleichen. Während aber die Wöchnerin stirbt, schreit sich ihr Kind ins Leben. Für die im Salon versammelte Familie – die Mutter ist eine stumme Rolle – beschränken sich Maeterlinck und Reimann auf einen trockenen Konversationston. Versiert nimmt Spielleiterin Löffner das auf, fügt ihm aber nichts Wesentliches hinzu. Nach dem Ableben der Mutter senken sich Blumenwiese und Wurzelgestrüpp aus dem Bühnenhimmel herab.
Für das letzte Stück – „La Mort de Tintagiles“ – mutiert der locus amoenus zum Schreckensort. Kaum zu ertragen, wenn der kleine Tintagiles in den Turm seiner königlichen Mutter geführt werden soll. Von Anbeginn ist klar, dass dem Kind nichts Gutes bevorsteht. Um sich des Thronfolgers zu entledigen, trachtet die Königin den Knaben zu ermorden. Zwar sucht seine Schwester Ygraine ihn vor dem schrecklichen Los zu bewahren und gewinnt dafür auch eine weitere Tochter der Monarchin sowie einen treu ergebenen alten Recken. Doch, sobald die drei Beschützer des kleinen Prinzen von Wachdienst und Abwehrkampf erschöpft in den Schlaf sinken, greift der Tyrannin Mörderbande zu.

Des Kindes Unschuld verbürgt Reimann durch die Sprechstimme. Kontrastiv zu den beiden anderen Werken eignet der Melodik vor allem Ygraines von Anbeginn Entschlossenheit und Ziel. Empathie, Geradheit und Kampfgeist verleihen der Prinzessin einen revolutionären Impetus. Löffner modelliert ihn trefflich heraus. Weil dennoch der Tod allüberall lauert, gerät der Dschungel aus Wurzeln für Kind und Beschützende zum Irrgarten. Hingegen dient er den Schergen der Königin als Tarnung zur Auskundschaftung des an Leib und Leben bedrohten Knaben und der Seinen.
Fabelhaftes Ensemble
Mit einem Sängerinnen- und Sängerensemble aus einem Guss besticht Reimanns Tritptychon „L’Invisible“ in Frankfurt vor allem vokal. Meist haben sich Solistinnen und Solisten in allen drei Stücken zu bewähren. Als Erste unter Gleichen bietet Irina Simmes für Ygrane bezwingende Solidarität mit dem Bruder und Courage auf. Erik van Heyningen nimmt gleichermaßen als Großvater in „L’Intruse“, der Alte in „Intérieur“ und kühner Held Aglovale in „La Mort de Tintagiles“ für sich ein. Heyningen misst vokal und spielerisch das gesamte Spektrum vom gebrechlichen Greis bis zum wagemutigen Ritter aus. Den Onkel in „L’Intruse“ gibt Gerard Schneider mit biegsam-elegantem Tenor. Karolina Makuła lässt als Prinzessin Bellangère in „La Mort de Tintagiles“ aufmerken. Zwar tönen für „Intérieur“ delikate Holzbläser aus dem Graben. Hingegen lässt Titus Engel das Frankfurter Opern- und Museumsorchester über weite Strecken beinahe akademisch aufspielen. Eher ein gutes Referat denn packendes Musiktheater.
Oper Frankfurt
Reimann: L‘Invisible
Titus Engel (Leitung), Daniela Löffner (Regie), Fabian Wendling (Bühne), Daniela Selig (Kostüme), Joachim Klein (Licht), Erik van Heyningen, Sebastian Geyer, Gerard Schneider, Irina Simmes, Cláudia Ribas, Viola Pobitschka, Karolina Makuła, Victor Böhme, Iurii Iushkevich, Tobias Hechler, Dimitry Egorov, Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Sa., 05. April 2025 19:30 Uhr
Musiktheater
Reimann: L’Invisible
Erik van Heyningen (Großvater, Der Alte & Aglovale), Sebastian Geyer (Vater), Gerard Schneider (Der Onkel & Der Fremde), Irina Simmes (Ursule, Marie & Ygraine), Cláudia Ribas (Die Dienerin), Karolina Makuła (Marthe & Bellangère), Titus Engel (Leitung), Daniela Löffner (Regie)
So., 13. April 2025 18:00 Uhr
Musiktheater
Reimann: L’Invisible
Erik van Heyningen (Großvater, Der Alte & Aglovale), Sebastian Geyer (Vater), Gerard Schneider (Der Onkel & Der Fremde), Irina Simmes (Ursule, Marie & Ygraine), Cláudia Ribas (Die Dienerin), Karolina Makuła (Marthe & Bellangère), Titus Engel (Leitung), Daniela Löffner (Regie)
Mi., 16. April 2025 19:30 Uhr
Musiktheater
Reimann: L’Invisible
Erik van Heyningen (Großvater, Der Alte & Aglovale), Sebastian Geyer (Vater), Gerard Schneider (Der Onkel & Der Fremde), Irina Simmes (Ursule, Marie & Ygraine), Cláudia Ribas (Die Dienerin), Karolina Makuła (Marthe & Bellangère), Titus Engel (Leitung), Daniela Löffner (Regie)
Fr., 18. April 2025 18:00 Uhr
Musiktheater
Reimann: L’Invisible
Erik van Heyningen (Großvater, Der Alte & Aglovale), Sebastian Geyer (Vater), Gerard Schneider (Der Onkel & Der Fremde), Irina Simmes (Ursule, Marie & Ygraine), Cláudia Ribas (Die Dienerin), Karolina Makuła (Marthe & Bellangère), Titus Engel (Leitung), Daniela Löffner (Regie)
Sa., 26. April 2025 19:30 Uhr
Musiktheater
Reimann: L’Invisible
Erik van Heyningen (Großvater, Der Alte & Aglovale), Sebastian Geyer (Vater), Gerard Schneider (Der Onkel & Der Fremde), Irina Simmes (Ursule, Marie & Ygraine), Cláudia Ribas (Die Dienerin), Karolina Makuła (Marthe & Bellangère), Titus Engel (Leitung), Daniela Löffner (Regie)