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Opern-Kritik: Oper Leipzig – Lady Macbeth von Mzensk

Reichlich Rattengift und Nihilismus

(Leipzig, 25.5.2024) Regisseur Francisco Negrin setzt in Schostakowitschs Schocker „Lady Macbeth von Mzensk“ auf ein berührungsarmes Theater der Grausamkeit mit üppiger Ausstattungsgeste.

vonRoland H. Dippel,

Musikdirektor Christoph Gedschold sagte ab. Aber Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons wird am 25. und 29. Mai 2025 beim Schostakowisch-Festival zwei Vorstellungen übernehmen und war deshalb in der Oper Leipzig zur Premiere „Lady Macbeth von Mzensk“. Diese leitete Fabrizio Ventura als helfender Spezialist für die Moderne. Die bislang einzige Leipziger Produktion des dystopischen und längst zum Repertoirehit gewordenen Opernstücks war anno 1965 als DDR-Erstaufführung unter dem mit einer Foyer-Ausstellung gewürdigten Chefregisseur Joachim Herz in der entschärften Fassung als „Katerina Ismailowa“.

Das Publikum jubelte am Ende lange und affirmativ. Szenenapplaus gab es nur einmal und dafür mit fast kindlicher Begeisterung über den Aufzug der polizeilichen Ordnungsbrüter mit rosa Rüsselchen im Gesicht, X-Beine-Marschschritt und Dumpfbacken-Mimik. Als Polizeichef räumte Publikumsliebling Franz Xaver Schlecht voll ab.

Szenenbild aus „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Oper Leipzig
Szenenbild aus „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Oper Leipzig

Seitensprung mit katastrophalen Folgen

Vier Wochen nach der vom Orchester stratosphärischen „Katja Kabanova“ an der Semperoper folgte „Lady Macbeth von Mzensk“ am Augustusplatz deren Klangspuren. Vor allem im ersten Akt häufen sich die Analogien zwischen den im Abstand von nur dreizehn Jahren uraufgeführten Opern Leoš Janáčeks und Schostakowitschs. Hier wie dort fordert ein schwächelnder Ehemann von der Titelfigur auf Geheiß eines protektiven Elternteils den Treueeid. Und beide Protagonistinnen lockt ein gleißender Violinenstrahl zum nur allzu nachvollziehbaren Seitensprung und dessen katastrophalen Konsequenzen. Obwohl Ventura instrumentale Kanten schärfen wollte (bei den Gesangspartien ergibt sich das durch die Orchester-Phonzahlen von selbst), zeigte das Gewandhausorchester bei Schostakowitschs gepanzertem Geniestreich prachtvolle Opulenz auf Exzellenzhöhe. Alles klang fast zu schön und deshalb etwas glättend – trotz der bitteren Sicht des Promispektakel-erfahrenen Regisseurs Francisco Negrin auf die Oper nach der Novelle von Nikolaj S. Leskow. Im 105-Minuten-Teil vor der Pause schlugen manchmal Türen, weil die Inszenierung doch an Herz und Nieren ging und einige Zuschauer neunzig Jahre nach der Leningrader Uraufführung von 1934 noch immer verstörte. Durch das Gewandhausorchester konnte man die zweite Oper Schostakowitschs trotzdem für die allererste postmoderne Partitur halten: Die bittere Tücke lauerte oft hinter in Leipzig manchmal virtuos bis arglos klingenden Fassaden, welche doch die soziale Totalerosion zeigen sollten. Hier ist alles bitter — und bittersüß allenfalls die Verlogenheit der Figuren untereinander.

Szenenbild aus „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Oper Leipzig
Szenenbild aus „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Oper Leipzig

Katastrophensog

Negrins nihilistischer Ansatz geht weit hinaus über Milieutheorie und Evolutionsskeptizismus. Am Ende treiben die ineinander verkrallten Rivalinnen Katerina und Sonjetka nicht im vereisten Wasser dem Tod zu. Katerina bleibt hier allein wie die Loreley und stößt die ihr bedenklich ähnelnde Rivalin Sonjetka in eine klaffende Tiefe. Darin ist der Chor der Strafgefangenen nach einer karnevalesken Hochzeitsszene schön lägst versenkt. Von Thomas Eitler-de Lint zu Fortissimi mit runder Fülle angehalten, wird der Chor hier Hauptfigur und auch ein bisschen variables Ornament für das bombastische Bühnenbild von Rifail Ajdarpasic. Ein riesiges Fabergé-Ei prunkt über den Stufen eines Mühlen-Großbetriebs mit rüden Gepflogenheiten zwischen den Geschlechtern, aber Zucht und Ordnung bei der Arbeit. Weil Arbeitskräfte wie in Massenhaltung Mehlsäcke schleppen, wurden sie von Ariane Isabell Unfried in extra geschneidertes Sackleinen gesteckt. Katerinas Edelfolklore ist stellenweise Blickfänger, die Aufmachung ihres triebgesteuerten und definitiv empathiefreien Lustkorkens Sergei auch.

Szenenbild aus „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Oper Leipzig
Szenenbild aus „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Oper Leipzig

Erst Verrohung, dann Niedergang

Das riesige Panorama mit futuristischen Gerätschaften zwängt den globalen Verfall einer ganzen Zivilisation in den Assoziationszeitraum zwischen spätem russischen Zarenreich und Gulag. Die Ordnung schwindet mit den einstürzenden Fassaden. Insgesamt versuchen Regie und Ausstattungsteam, diese fiese Vision von Verfall, Verrohung und Zivilisationskollaps mit ästhetisch bestechenden Bildern schmackhaft zu machen. Das muss natürlich zu Missverständnissen führen. Aber glänzend geht auf, dass die von Schostakowitsch in greller Folge gereihten Situationen von Macht- und Sexualmissbrauch übelster Tour sehr oft auf Abstand von mindestens drei Metern und mit nur wenigen physischen Berührungen erfolgen. Gerade deshalb gehen die choreographischen Zoten unisono mit Schostakowitschs hinterlistiger Plakativität stark unter die Publikumshaut.

Szenenbild aus „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Oper Leipzig
Szenenbild aus „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Oper Leipzig

Spannungsmindernde Sicherheitsmaßnahme

Ordnung muss sein: Die Materialien sind allesamt nachhaltig, und erstmals gibt es an der Oper Leipzig zum Movement Director Fin Walker auch Intimitätskoordination: Der Schauspielerin Katja Weitzenböck geht es nach ersten Projekten wie „Arabella“ für Tobias Kratzer an der Deutschen Oper Berlin nur um die Bühnenabläufe ohne thematisches Eindringen in die individuelle Werkkonzeption und Anliegen ihrer Schöpfenden. Für eine Oper, deren Grenzsteine zwischen Lust und Gewalt sich unter virtuosen Lautstärke-Rekorden von Szene zu Szene verschieben, erweist sich das als engagierte, aber auch leicht spannungsmindernde Sicherheitsmaßnahme — neben der Triggerwarnung vor sexueller Gewalt. Mit dem Testosteron in Schostakowitschs Musik aus ekstatischen Stoßen und Stöhnen bis zum erschlaffenden Trompetenschleifer müssen sich Intimitätskoordination, Dramaturgie und Publikum allerdings weiterhin abfinden.

Szenenbild aus „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Oper Leipzig
Szenenbild aus „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Oper Leipzig

Soprane der Extraklasse

Brenden Gunnell zeigt als Sergei, dass seine Leidenschaft für Katerina eigentlich schon passé ist, bevor sie ihm nach den Morden an Ehemann und Schwiegervater neben Herz und Körper auch noch die Ehe anträgt. Gunnell schafft die bipolare Figur auf dem Hochtrapez von Potenz, Protz und Proll mit Kulleraugen und vitaler Körperlichkeit. Matthias Stier als Gatte Sinowij bringt mehr Stimm- und Figurenformat mit als nötig. Dan Karlström verortet den die Leichen entdeckenden Schäbigen in die Nähe einer verschmitzten Karikatur. Nora Steuerwald ist eine abgebrühte Sonjetka mit blasser Silberstimme. Aksinja, das geschändete Opfer einer ordinären Hatz, erfährt durch Leipzigs neues Sopranwunder Friederike Meinke die imponierend gesungene und gespielte Steigerung. Randall Jakobsh zieht mit vibratolos charakterstarkem Bass als Boris alle Register vom Schänder zum patriarchalen Oberhaupt. Eine Sensation als Katerina ist Ingela Brimberg, die alle Töne ihrer Riesenpartie beißt, attackiert, metallisch flutet und in ihrer unüberbrückbaren Einsamkeit ans Herz rührt. Das Erstaunliche: Ihre Stimme meistert die Parforce-Tour ohne Verhärtungen und überrascht später durch weiche Seufzer und berückend stille Momente. Eine große Leistung, zu der sie viel mit weißem Pulver – mal Mehl, mal Rattengift – hantiert. Das Publikum bejubelte am Ende eine Produktion, die Francisco Negrins berührungsarmes Theater der Grausamkeit mit üppiger Ausstattungsgeste etwas milderte.

Durch „Lady Macbeth von Mzensk“ zog Schostakowitsch den Unmut Stalins auf sich, überlebte aber als Komponist und Mensch durch eine Tonsprache mit Doppelsinn und Vieldeutigkeit. Dieser Herausforderung stellte sich die Oper Leipzig mit Erfolg und einer im behaupteten Chaos unheilen Welt letztlich sauberen, in alle Richtungen abgesicherten Arbeit.

Oper Leipzig
Schostakowitsch: Lady Macbeth von Mzensk

Fabrizio Ventura (Leitung), Francisco Negrin (Regie), Fin Walker (Movement Director), Rifail Ajdarpasic (Bühne), Ariane Isabell Unfried (Kostüme), Michael Röger (Licht), Marc Molinos (Videodesign), Thomas Eitler-de Lint (Chor), Marlene Hahn / Kara McKechnie (Dramaturgie), Randall Jakobsh, Matthias Stier, Ingela Brimberg, Brenden Gunnell, Friederike Meinke, Nora Steuerwald, Dan Karlström, Christian Moellenhoff, Ervin Ahmeti, Sven Hjörleifsson, Dagur Jónsson, Ivo Stanchev, Franz Xaver Schlecht, Jin Young Jang, Peter Dolinšek, Kamila Dziadko, Chor der Oper Leipzig, Zusatzchor der Oper Leipzig, Gewandhausorchester



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