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Opern-Kritik: Semperoper Dresden – Aida

Ganz stilles und ganz großes Drama

(Dresden, 5.3.2022) Wagners Meisterdirigent Christian Thielemann debütiert mit Verdis „Aida“, die Katharina Thalbach in kunstvoll arrangierten Tableaus auf die Bühne bringt. Der Krieg in der Ukraine schwingt dennoch allgegenwärtig mit.

vonKirsten Liese,

Zu Beginn der Premiere ertönt wie in diesen Tagen vielerorts die ukrainische Nationalhymne als Zeichen der Solidarität. Die Sächsische Staatskapelle Dresden spielt sie aus dem Graben, der Chor singt dazu in perfekter Abstimmung hinter dem Vorhang. Sichtlich bewegt erhebt sich das Publikum von den Stühlen.

Wie sieht es eigentlich in den Seelen russischer Topstars aus?

Als sich Christian Thielemann und Katharina Thalbach für ihre erste Zusammenarbeit für Verdis „Aida“ entschieden, konnten sie gewiss nicht ahnen, dass das Operndrama mit Kriegsgeschehnissen im alten Ägypten zum Zeitpunkt der Premiere von einer so großen Aktualität sein würde. Die große Häme, der sich Anna Netrebko und Valery Gergiev ausgesetzt sehen, weil sie zu wenige oder gar keine Worte gegen Waldimir Putin finden, verurteilt Christian Thielemann allerdings auch. Als deutschlandweit einziger prominenter Künstler fand er wenige Tage vor der Premiere öffentlich mutige, verständnisvolle Worte für die am Pranger stehenden russischen Topstars: Wie es in deren Herzen wirklich aussieht, wer weiß das schon. Speziell zu Netrebko, die vor wenigen Jahren in Salzburg unter Riccardo Muti ihr viel beachtetes, grandioses Rollendebüt als Aida gab, wandern am Premierenabend viele Gedanken.

Szenenbild aus „Aida“
Szenenbild aus „Aida“

Eine Grande Dame in der Titelpartie

In der Dresdner Semperoper singt die Titelpartie nun Krassimira Stoyanova, in einem Alter von bald 60 Jahren so sehr eine Grande Dame im Opernbetrieb wie die verstorbene Koloraturkönigin Edita Gruberova. Ihr Sopran gerät mit leichtem Flackern in höheren Registern schon in den Herbst, erstrahlt dafür aber umso prächtiger in der Mittellage und Tiefe. Kündigt sich da wohl schon ein Stimmfachwechsel an? Im international besetzten Ensemble finden sich auch eine Sängerin aus Weißrussland und eine aus Russland. Golden, groß und sonor tönt die Amneris von Oksana Volkova, die große Entdeckung dieses Abends; silbrig, luzid und schön der Sopran von Ofeliya Pogosyan in der kleineren Partie der Tempelsängerin.

Seelentröster Thielemann

Dass auch für sie die Probenphase angesichts der russischen Invasion eine sehr belastende gewesen sein mag, lässt sich denken. Die Arbeit an seiner allerersten „Aida“ forderte Christian Thielemann, so ist zu hören, nicht nur als Dirigenten im Graben, sondern auch als Seelentröster hinter den Kulissen. Die Männer dieser hochkarätigen Besetzung stehen den Frauen – um noch eben bei den Sängern zu bleiben – in nichts nach. Francesco Meli empfiehlt sich mit seinem agilen, höhensicheren, großen und schlanken Tenor in der Rolle des Feldherren Radamès als einer der besten Tenöre dieser Zeit. Georg Zeppenfeld als Oberpriester Ramfis, Andreas Bauer Kanabas als König und Quinn Kelsey als Aidas Vater Amonasro gefallen ebenfalls mit profunden, großen, sonoren Stimmen.

Szenenbild aus „Aida“
Szenenbild aus „Aida“

Intimität statt Aktionismus

Den heiklen Versuch, die Opernhandlung in die Gegenwart zu verlegen, unternimmt Katharina Thalbach glücklicherweise nicht. Ihre ansprechende, schlicht gehaltene und doch mitnichten spartanische Inszenierung erinnert vielmehr an den genialen Theatermann Giorgio Strehler, der einst die absolute Einheit von Musik und Szene forderte und jeden Aktionismus mied, der die Musik stören könnte. Thalbach arrangiert das Liebesdrama um die äthiopische Sklavin, den Feldherren Radamès und die ihn ebenfalls vergeblich begehrende ägyptische Königstochter Amneris in kunstvoll arrangierten Tableaus. Kammerspielartige Intimität wirkt in ihnen nicht verloren, und da, wo die Szene unter Aufmärschen von Chor (treffliche Einstudierung: André Kellinghaus), Tänzern und Statisterie großformatig wird, erweitert sich der Bühnenraum ohne einen Einschlag ins Bombastische.

Szenenbild aus „Aida“
Szenenbild aus „Aida“

Ganz in Gold

Das Zeitalter der Pharaonen ist auf Ezio Toffoluttis Bühne dezent präsent. Ganz in Gold erstrahlen seine herrschaftlichen Räume, in der Szene am Nil tauchen poetische Beleuchtungswechsel einen Kahn vor einer Pyramide in Türkiesblau (Licht: Fabio Antoci). Und schon zu den ersten leisen Klängen im Vorspiel schimmert auf dem Bühnenvorhang das Wasser. Nichts jedenfalls sieht hier so aus wie aus der Mottenkiste eines alten Theaterfundus, nicht die von Toffolutti entworfenen, ansprechenden Kostüme, gleichsam archaisch und zeitlos, und schon gar nicht die von Christopher Tölle choreographierten Ballette, in denen sich virtuose klassische Elemente gekonnt mit modernen verbinden.

Szenenbild aus „Aida“
Szenenbild aus „Aida“

Singen und Spielen als ginge es um das eigene Leben

Gewiss auch unter dem Eindruck der bedrückenden Weltlage wird gesungen und gespielt, als ginge es für jeden Beteiligten um das eigene Leben. Die vorletzte Szene, in der Amneris verzweifelt zusammenbricht, als der geliebte Mann im Hintergrund vor dem Tribunal zu seiner Anklage schweigt, wird einem wohl besonders lange nachhängen. Wie sie da zu Boden sinkt, sich die Haare rauft, vor Schmerz krümmt und das Gesicht in dem Umhang ihres Gewands verhüllt – das ist gleichsam ein ganz stilles und zugleich ganz großes Drama. Freilich trefflich unterstützt von der bestens disponierten Sächsischen Staatskapelle, die unter Christian Thielemanns Leitung den atmosphärischen Grund für den aufwühlend-packenden Opernabend bereitet und dabei besonders aufhorchen lässt, wenn sich wie im zweiten Akt über silbrigen  Harfen-Klängen in denkbar zärtlichsten Tönen Flöten und Oboen mit ihren Soli erheben.

Unter solchen starken Eindrücken wird der vom Premierenpublikum mit seinem gesamten Team groß gefeierte Thielemann gar an der Mailänder Scala, an der er mit Wagners „Ring“ sein Operndebüt geben wird, gewiss schon sehr bald auch als Verdi-Dirigent reüssieren.

Semperoper Dresden
Verdi: Aida

Christian Thielemann (Leitung), Katharina Thalbach (Regie), Ezio Toffolutti (Bühne & Kostüme), Fabio Antoci (Licht), André Kellinghaus (Chöre), Christopher Tölle (Choreografie), Krassimira Stoyanova, Francesco Meli, Oksana Volkova, Georg Zeppenfeld, Andreas Bauer Kanabas, Quinn Kelsey, Ofeliya Pogosyan, Sächsische Staatskapelle Dresden, Sächsischer Staatsopernchor Dresden

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