Einfach schön zu singen, reicht nicht mehr. Im Zeitalter des Regietheaters setzen Intendanten auf „Type-Casting“ und überhören dafür schon mal deutliche stimmliche Defizite. Und die medialen Vermarktungsmechanismen unserer Zeit verlangen noch mehr: Sängerinnen müssen nicht nur eine Sahnestimme, sondern Model-Maße besitzen. Wie brutal eine solche Szene mitunter ist, die nach Blut auf der Bühne und Sex-Appeal in den Gazetten verlangt, musste Deborah Voigt schmerzlich erfahren. Ihre betörende Sopran-Üppigkeit machte sie zunächst zur weltweit ersten Wahl, wenn es darum ging, die großen Opern Richard Strauss‘ stimmstark zu besetzen. Als „Frau ohne Schatten“ verströmte sie zu Beginn der 90er Jahre wahrhaft kaiserlichen Silberglanz ohne Vergleich.
Dann jedoch stand sie 2004 als Ariadne auf Naxos unter Vertrag – am glamourösen Londoner Opernhaus von Covent Garden. Wer sollte die griechische Prinzessin auch mit strömenderen Linien und süßeren Spitzentönen verkörpern als La Voigt? Aber die 1960 bei Chicago geborene Amerikanerin wurde ausgeladen. Sie passte nicht in jenes „little black dress“, in das Christof Loy sie stecken wollte. Der deutsche Regisseur beharrte auf dem Cocktail-Kleidchen. Und Debbie, die Große, war gefeuert.
Ihrer enormen Popularität hat „The dress“-Affäre indes eher genutzt als geschadet. Ihr Fall machte Schlagzeilen auch jenseits des Feuilletons, sogar die populärste Frühstücks-TV-Show der USA, „Good Morning, America“, porträtierte die vollschlanke Primadonna. Später erhielt Deborah Voigt sogar Engagements für neue Rollen, mit der man sie bislang kaum identifizieren wollte: Sie sang Strauss‘ Salome in Chicago und Pucci-nis Tosca in Wien. Und wurde schließlich sogar eingeladen, in London doch noch die Ariadne zu geben.
Dem vorangegangen war indes eine nicht ungefährliche Entscheidung: Die Sängerin unterzog sich einer Magenverkleinerung. Der Eingriff verlief erfolgreich, und Voigt kam, wie Theatergerüchte raunen, um 40 Kilo leichter auf die Bühnenbretter zurück. Doch das Gerede um ihren Körper überstrahlte die Bewunderung für ihre Stimme. Das scheint sich nun zunehmend zu ändern. Schließlich hat sich Deborah Voigt jetzt der größten Herausforderung gestellt, die für eine Hochdramatische bestehen: Richard Wagners Brünnhilde. Gereift vom jugendlich-dramatischen Fach in die vollends schweren Gefilde des Bayreuther Meisters präsentiert sich La Voigt derzeit im amerikanischen Mekka des Wagner-Gesangs: Im neuen Ring des Nibelungen der New Yorker Metropolitan Opera singt sie Wotans Lieblingstochter – mit enormem Erfolg und dennoch deutlich kritischer beäugt und belauscht als jede andere Sängerin, die sich an die stimmlich, aber auch intellektuell und konditionell so anspruchsvolle Partie wagt. Hier wird eine gleichsam übermenschliche Skala des musikalisch-geistigen Ausdrucks verlangt, hier muss eine Sopranistin ganz innig und dennoch trompetenstark singen, hier muss sie mit voluminöser Mittellage und glanzvoll jauchzenden Spitzentönen aufwarten. Wie sehr die erschlankte Deborah Voigt all dies vermag, dürfen wir Hamburger als erste Europäer erleben: Denn mit den Symphonikern unter Jeffrey Tate gibt der Sopran-Star sein Brünnhilden-Debüt in der Alten Welt.