Neuenfelde gehört noch nicht lange zu Hamburg – erst mit dem „Groß-Hamburg-Gesetz“ wurde der Ort 1937 ein Teil der Hansestadt. Da hatte die Siedlung allerdings schon gute 800 Jahre auf dem Buckel; schließlich geht sie auf eine Gründung aus dem 12. Jahrhundert zurück, als holländische Einwanderer das Land am westlichen Elbufer eindeichten und zur Besiedlung urbar machten.
Die barocke Kirche St. Pankratius zeugt davon, dass es dem Ort nach dem Dreißigjährigen Krieg ausgesprochen gut ging: 1683 konnte man sich nicht nur eine neue, größere Kirche leisten, sondern bestellte bei dem Hamburger Arp Schnitger, dem berühmtesten Orgelbauer seiner Zeit, auch eine neue Orgel. Ohne Teile der alten Orgel zu verwenden (sie fand in der Stader Pankratiuskirche eine neue Heimstatt), baute er für Neuenfelde ein ganz und gar neues Instrument, auf das sogar die Akustik des Kirchenbaus ausgerichtet wurde. Mit dieser zweimanualigen Orgel, der größten ihrer Art aus seiner Werkstatt, konnte Schnitger also wie kaum anderswo seine künstlerische Konzeption in einem ideal dafür geeigneten Raum in die Praxis umsetzen.
Der Wirkungskreis dieses großen Orgelbaumeisters erstreckte sich nicht nur über den gesamten norddeutschen Raum – nach England und Russland, sogar bis nach Spanien und Portugal wurden Orgeln aus seiner Werkstatt exportiert. Dennoch war Arp Schnitger durch die Familie seiner ersten Frau Gertrud, Neuenfelder Obstbauern, dem Ort eng verbunden: 1693 erwarb er den Hof seines Schwiegervaters Hans Otte und errichtete dort eine Filiale seiner Hamburger Orgelwerkstatt; 1705 übersiedelte er nach Neuenfelde, in St. Pankratius befinden sich noch heute der prächtige Kirchenstuhl und das Grab der Familie Schnitger.
Nach der Restaurierung der Bemalung des Tonnengewölbes 2005 präsentiert sich die Neuenfelder Pankratius-Kirche mit ihren herrlichen Holzschnitzarbeiten wieder als architektonisches Juwel des norddeutschen Barocks.
Um den Erhaltungszustand der Orgel sieht es hingegen nicht gut aus. Hilger Kespohl, Organist an St. Pankratius und ausgewiesener Spezialist für Barockorgeln, sieht die Orgel sogar in ihrem Bestand bedroht, wiewohl sie immer noch im Gottesdienst und in Konzerten zum Einsatz kommt. Erst die Orgelbewegung um Hanns Henny Jahnn erkannte Anfang des 20. Jahrhunderts den Wert des Instruments, das fast ein Opfer verschiedener „Modernisierungen“ geworden wäre; doch haben unsachgemäße Restaurierungen aus heutiger Sicht teilweise Schaden angerichtet – so werden beispielsweise durch falsche Leimsorten, die bei der Reparatur der Windladen verwendet wurden, die empfindlichen Bleipfeifen angegriffen.
Eile ist also geboten, will man ein einzigartiges Monument von Arp Schnitger vor dem Verfall bewahren. Nur eine fachgerechte Sanierung und gründliche Restaurierung können die Orgel noch retten. Zu diesem Zweck befindet sich ein Förderverein in Gründung, der die benötigten 750.000 Euro, deren größter Teil durch Spenden finanziert werden muss, aufbringen soll. In den letzten Jahrzehnten sind durch die Restaurierung bedeutender Arp-Schnitger-Orgeln wie an St. Jacobi in Hamburg wertvolle Erkenntnisse gesammelt worden, die der Orgel in Schnitgers eigener Pfarrkirche zugute kommen könnten. An Geldmangel darf das nicht scheitern!