Auf „unermüdliche Entdeckerlust und höchst abwechslungsreiche Konzertprogramme“ freut sich Rolf Beck, Leiter des Bereichs Orchester und Chor beim NDR und selbst Musiker, bei Thomas Hengelbrock, der mit Beginn der Saison 2011/12 seinen Posten als Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters antritt. Die ersten beiden Konzertauftritte Hengelbrocks mit seinem neuen Orchester lassen diese Vorfreude völlig berechtigt erscheinen.
Schon der Titel der „Opening Night“ am 9. September ist vielversprechend: „Anything goes“, „nichts ist unmöglich“. Das ist nicht nur der Titel eines berühmten Musicals von Cole Porter, das freilich bei uns bisher kaum im Rahmen von Sinfoniekonzerten erklungen ist. Der Eröffnungsabend der neuen Saison illustriert, dass in einem Konzert heute tatsächlich nichts unmöglich ist – und dabei spannt sich der Bogen über drei Jahrhunderte Musikgeschichte.
Das Konzert ist eine Hommage Thomas Hengelbrocks an seine neue Wirkungsstätte: Den Anfang macht die erste „Hamburger“ Sinfonie Carl Philipp Emanuel Bachs, der in den letzten beiden Jahrzehnten seines Lebens als Hamburger Musikdirektor wirkte. Weiter geht es mit einem Werk seines Paten Telemann, dessen Erbe Bach 1768 angetreten hatte. Während der 47 Dienstjahre Telemanns in der Hanserepublik hatte noch die Oper am Gänsemarkt in Blüte gestanden, an der der junge Händel mit Almira seinen Aufstieg an den Opernhimmel seiner Zeit hatte feiern können.
Beethovens revolutionäre Eroica steht dann im Zentrum des Abends: Als glühender Republikaner hatte Beethoven wütend den Namen Napoleons von der Titelseite der Sinfonie getilgt, als dieser sich zum „Kaiser der Franzosen“ hatte krönen lassen. Ein musikalischer Spaziergang über den Broadway bildet den Abschluss der „Opening Night“ – von New York aus traten die Musicals von George Gershwin und Cole Porter ihren Siegeszug um die Welt an und feierten auch in Hamburg Triumphe, das sich zu Recht als kosmopolitisches deutsches Gegenstück zu der amerikanischen Weltmetropole versteht.
Das zweite Konzertprogramm von Thomas Hengelbrock und dem NDR Sinfonieorchester, diesmal mit dem NDR Chor und Vokalsolisten, widmet sich am 15. und 18. September Anton Bruckner. Die monumentalen Sinfonien des österreichischen Spätromantikers bilden in dieser Saison einen Programmschwerpunkt der Sinfoniekonzerte des NDR; damit soll ein großer Bruckner-Interpret und Vorgänger von Thomas Hengelbrock in Hamburg besonders gewürdigt werden: Günter Wand, der im Januar 2012 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Das Augustiner-Chorherrenstift von St. Florian bei Linz, Anton Bruckners langjährige Wirkungsstätte als Organist, bildet den roter Faden dieses Programms: Eine Messe Michael Haydns, der zu Bruckners Zeiten häufig in St. Florian aufgeführt wurde, Bruckners eigenes, 1848/49 komponiertes Requiem und die 1881 in St. Florian abgeschlossene sechste Sinfonie, vom Komponisten selbst als seine „keckste Sinfonie“ bezeichnet.
Fazit: Auf Thomas Hengelbrocks musikalische Konzepte wird man in Hamburg gespannt bleiben dürfen.