Der vielbeschäftigte Gidon Kremer ist spät angereist, weshalb die Generalprobe im Friedrich von Thiersch-Saal des neoklassizistischen Wiesbadener Kurhauses eine halbe Stunde vor Konzertbeginn noch nicht beendet ist. Alfred Schnittkes „Konzert zu Dritt“ für Violine, Viola, Violoncello und Kammerorchester möchte noch abgestimmt sein. Denn wenn die Auseinandersetzung der drei Soloinstrumente im finalen Satz durch ein mächtiges Forte des Orchesters und der bis dahin stummen Orgel abgebrochen wird, muss das Timing perfekt sein. Die Organistin sitzt hinter dem Halbrund des prunkvollen Deckengewölbes gegenüber der Bühne – für das Publikum unsichtbar, weit weg vom Orchester, das sie nur durch kleine Öffnungen in der Wand sehen kann. Hier muss der Nachhall miteinberechnet werden. „War ich zu früh oder zu spät?“, fragt sie nach dem Durchlauf.
Ein Schutzraum für Nachwuchstalente

Dann geht alles ganz schnell. Was ist schon eine knappe halbe Stunde? Der Saal füll sich, erstaunlich viele Menschen grüßen einander. Man kennt sich, aber das verwundert nicht, schließlich sind viele der Anwesenden Teil einer großen Fördererfamilie. Sie sind gekommen, um die Kronberg Academy zu feiern, die ihre erste musikalische Würdigung erfährt, als Christian Tetzlaff und Vilde Frang gemeinsam mit dem Chamber Orchestra of Europe den Abend mit Bachs d-Moll-Konzert für zwei Violinen eröffnen. Ihr Zusammenspiel ist atemberaubend ausdrucksstark und so fein austariert, dass man nur staunen kann.
Nach dieser starken künstlerischen Leistung betritt der Mann die Bühne, dessen Engagement die Kronberg Academy ihre Existenz verdankt. 1993 gründete Raimund Trenkler in einer ländlichen Gemeinde 20 Kilometer nordwestlich von Frankfurt die Institution, in der die Besten der Besten lernen sollten. Inspiriert durch eine Rede von Pablo Casals über die völkerverbindende Kraft der Musik, die der große Cellist 1958 vor den Vereinten Nationen hielt, schuf er einen Schutzraum für Nachwuchstalente. Kronberg bot seither unzähligen Künstlerinnen und Künstlern an der Geige, der Bratsche und dem Cello die Möglichkeit, unter Anleitung weltweit erfolgreicher Instrumentalisten ihre eigene Stimme zu entwickeln.

Das neue Casals Forum
Das Eröffnungskonzert im Kurhaus hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eindrucksvoll die Früchte dieses Ansatzes demonstriert, ist doch die heute weltweit gefragte Vilde Frang eine Absolventin der Kronberg Academy und der 20 Jahre ältere Christian Tetzlaff unterrichtet regelmäßig im Taunus. Dort engagieren sich auch zahlreiche Bürgerinnen und Bürger im Verein der Kronberg Academy und schaffen als Gastfamilien eine Atmosphäre, in der sich junge Gäste aus aller Welt wohl fühlen. Raimund Trenklers Dank galt deshalb auch den Kronbergerinnen und Kronbergern ohne deren Beitrag diese Erfolgsgeschichte nicht hätte geschrieben werden können.
Die Wertschätzung von Seiten der Politik wurde in den Reden von Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters (CDU) aus der Bundesregierung und von Staatsminister Boris Rhein (CDU) aus der Hessischen Landesregierung deutlich. Die Schule wird – was eine Ausnahme darstellt – sowohl vom Land als auch vom Bund finanziell unterstützt. So auch der Bau des neuen Casals Forums in Kronberg, für das im Oktober 2017 der erste Spatenstich erfolgte. Umgesetzt wird ein Entwurf, den das Büro Staab Architekten GmbH aus Berlin in Zusammenarbeit mit dem Akustiker Martijn Vercammen für den 2014 ausgeschriebenen Wettbewerb eingereicht hatte.
Inspiration ohne Ende an der Kronberg Academy

Auch der Name des künftigen Konzertsaals verdeutlicht, dass die geistige Nähe zu Pablo Casals bis heute die Arbeit in Kronberg prägt. Da wundert es nicht, dass die Witwe Marta Casals Istomin der Academy von Anfang an verbunden war und auch bei der Jubiläumsfeier anwesend ist. Aus Washington ist die heute 81-Jährige angereist, um in ihrer Rede der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, dass die Kronberg Academy ihre Arbeit so inspiriert wie bisher fortsetzen kann.
Die Musik jedenfalls lääst ahnen, dass der künstlerische Gestaltungswille sich auch künftig Bahn brechen wird. So glänzt der schon lange in Kronberg tätige Yuri Bashmet an der Bratsche in einer Bearbeitung von Tschaikowskys Nocturne op. 19 Nr. 4. Das Streichtrio mit Kremer, Bashmet und Várdai spielt hochvirtuos das bis zuletzt geprobte Konzert von Schnittke, und den Abschluss der Solo-Stücke bildet Kremers Interpretation von Schuberts Polonaise B-Dur für Violine und Orchester. Damit rundet sich ein Künstlerreigen, von dem Klassikfans meist nur träumen können und der sich hier zusammengefunden hat, weil sie alle Lehrende oder Absolventen der Kronberg Academy sind.
So frisch, als hätte man sie nie gehört

Doch damit nicht genug. Das Chamber Orchestra of Europe gibt zum Abschluss Mozarts „Jupiter-Sinfonie“ und stellt sich als künftiges Residenzorchester des Casals Forums vor. Sein Spiel unter der Leitung von Konzertmeisterin Stephanie Gonley lässt das Revolutionäre der Partitur so frisch und unmittelbar aufscheinen, das man meinen könnte, die Komposition noch nie gehört zu haben. Ein wahrhaft tief empfundenes Fest für die Musik, für 25 Jahre Kronberg Academy.
Sehe Sie hier das Video zum Jubiläum:
concerti-Tipp:
Fr. 26.10., 15:00-20:00 Uhr, Sa. 27.10., 9:30-20:00 Uhr, So. 28.10., 9:30-13:15 Uhr
Stadthalle Kronberg (Feldbergsaal)
Mit Musik – Miteinander 2018 (Öffentliche Probe)
Miriam Helms Ålien (Violine), Peijun Xu (Viola), Bruno Philippe (Violoncello)
Werke von Mendelssohn, Brahms, Britten, Mozart & R. Strauss
So. 28.10., 15:00 Uhr
Streitkirche Kronberg
Mit Musik – Miteinander 2018 (Konzert)
Miriam Helms Ålien (Violine), Peijun Xu (Viola), Bruno Philippe (Violoncello)
Werke von Mendelssohn, Brahms, Britten, Mozart & R. Strauss