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Das Carillon

Faust auf Faust

Aus den Niederlanden nicht mehr wegzudenken, Protagonist eines französischen Films und Lieblingsinstrument des amerikanischen Millionärs Rockefeller Junior: das Carillon

vonInsa Axmann,

Wie besessen hämmert Philippe in schwindelerregender Höhe auf die Holzklaviatur und wird schließlich von seiner Auserwählten erhört: Nicht gerade ein Klassiker, den er da spielt und dabei zahlreiche Glocken in allen Größen erklingen lässt, aber mit dem Stevie-Wonder-Song „I just called to say I love you“ gewinnt er die Liebe der Frau, die ihn bis dahin noch abblitzen ließ. Das Instrument seines Erfolges? Ein Carillon! So geschehen in dem französischen Erfolgsfilm „Willkommen bei den Sch’tis“, der das außergewöhnliche Instrument im Jahr 2008 bei einem breiten Publikum bekannt machte.

Ein Glockenspiel in luftiger Höhe

Carillon im Schloss Johannisburg in Aschaffenburg
Carillon im Schloss Johannisburg in Aschaffenburg. Hier findet auch jährlich ein Carillonfestival statt © Till Benzin

23 Glocken muss ein Carillon laut World Carillon Federation (WCF) mindestens haben. Diese werden direkt von einem Spieltisch mittels Seilzüge angeschlagen. Der Drahtzug eines Tastaturhebels – dem sogenannten Stokken – führt direkt zum Klöppel, der wiederum nahe der Glocken-Innenwand angebracht ist und somit ein Spielen von Melodien ermöglicht. Der Spieltisch umfasst eine zweimanualige Tastatur und eine Pedalleiste mit allen Halb- und Ganztönen. Die meisten Carillonneure sind von daher Organisten, da die Koordination des Hand- und Fußmanual ganz ähnlich dem der Orgel ist.

Da das Anschlagen einer Glocke ein großer Kraftaufwand ist, wird das Manual eines Carillons mit der geballten Faust beziehungsweise dem mittleren Glied des kleinen Fingers gespielt, die größten Glocken werden in der Regel über das Pedal betätigt. Die Glocken besitzen keine Dämpfer und gerade die tiefen, tonnenschweren Bronzeriesen schwingen noch lange nach – da braucht es einen geübten Carillonneur, der durch eine stark wechselnde Dynamik die Anschlagsstärke der Stöcke variieren kann. Wenn das gelingt, entsteht ein einmaliges Klangerlebnis, das bis weit in die Ferne zu hören ist. Für den Erstspieler gibt es übrigens Übungsspieltische, die mit Klangplatten anstatt Glocken ausgestattet sind, denn wer würde sich schon gerne tagein tagaus das Geklimper eines Anfängers anhören wollen?

Glocken des Carillons von St. Jan in Gouda
Glocken des Carillons von St. Jan in Gouda © Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed/Wikimedia Commons

Die Geschichte des Carillons

Stich eines Carilloneurs, um 1890
Stich eines Carilloneurs, um 1890 © gemeinfrei

Im 13. Jahrhundert entstand die Idee, mit Kirchenglocken Melodien zu spielen. Seile wurden an die Klöppel der Glocken gebunden und von Hand betätigt, später übernahm das die Holztastatur – das Carillon war geboren. Die Blütezeit des Mega-Instruments nahm im 17. Jahrhundert in Belgien, den Niederlanden und Nordfrankreich seinen Anfang: In Rathaus-, Kirch- und sogar eigens erbauten Türmen wurde das Carillon en vogue. Nachdem das außergewöhnliche Instrument im 19. Jahrhundert langsam wieder aus der Mode kam, gründete der Flame Jef Denijn 1921 die erste Glockenspielerschule in Mechelen in der Provinz Antwerpen und sorgte für eine Renaissance des Carillons, das daraufhin in ganz Europa vordrang.

Der millionenschwere John D. Rockefeller war so begeistert von dem Riesenglockenspiel, dass er es nach Amerika holte und für eine weite Verbreitung sorgte. Bis heute darf sich das Carillon in der Riverside Church von New York mit 74 Glocken das Größte seiner Art nennen. In Deutschland ist in Halle an der Saale das größte Carillon im Roten Turm beheimatet, ja, es ist sogar das größte Europas, was kaum bekannt ist.

Repertoire fürs Carillon

Im 17. Jahrhundert wurden oftmals Klavierstücke adaptiert, aber auch eigens Stücke für das Carillon komponiert, wie von Matthias van den Gheyn, Johannes Gruytters oder Staf Nees. Das Repertoire ist meist klassisch, allerdings gibt es auch neue Ideen: Da lässt sich schon mal ein Carilloneur von der E-Gitarre begleiten, der andere spielt Freddy Mercury. Vom Berliner Carillon im Tiergarten erklingt zu Silvester regelmäßig die sogenannte „Berlin Fireworks Music“ des amerikanischen Komponisten Richard Feliciano. Man sieht also, möglich ist alles auf dem Carillon, von Alter Musik bis Pop. Somit lag Philippe am Ende mit seiner Stevie Wonder-Nummer vielleicht doch nicht so falsch…

Musik von Matthias van den Gheyn:

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