Im März 2010 sorgte der Komponist Eric Whitacre für Furore: mit seinem „virtual choir“, einem virtuellen Chor, zusammengesetzt aus 185 Sängerinnen und Sängern aus zwölf Ländern, die sich nur per Videoeinspielung begegnet sind. Über eine Million Klicks in den ersten zwei Monaten nach dem Release machten die Aktion zu einem viralen Hit. Gut zehn Jahre später, im Frühjahr 2020, wurde Whitacres Idee plötzlich zum Modell für viele real existierende Chöre. Als eine von mehreren Antworten auf die Herausforderungen der Corona-Krise. Denn die Pandemie hat auch die Chorlandschaft voll erwischt. Ausgerechnet das gemeinsame Singen – ansonsten ein Booster für die menschlichen Abwehrkräfte – wurde zum Gesundheitsrisiko. Und das hat mit dem Verbreitungsweg des Virus zu tun.
Chorproben werden zu Spreader-Events
Wie wir heute wissen, erfolgt die Ansteckung mit SARS-CoV-2 häufig über Tröpfchen und Aerosole, kleine Schwebeteilchen, die lange in der Luft bleiben können. Vergleichbar mit Zigarettengeruch, der sich hartnäckig im Raum hält. Beim Singen stößt ein erwachsener Mensch durchschnittlich dreißig Mal so viele Aerosole aus wie beim normalen Sprechen. Eine singende Person verbreitet also etwa so viele Partikel im Raum wie dreißig sprechende Menschen. Das erklärt, weshalb einige Chorsituationen (Proben, Konzerte, Gottesdienste) gerade zu Beginn der Pandemie zu Spreader-Events wurden, teilweise mit gravierenden gesundheitlichen Auswirkungen für die betroffenen Choristen und ihre Angehörigen. Dabei waren sogar einige Todesfälle zu beklagen. Einen Impfschutz gegen schwere Verläufe gab es damals ja noch nicht.
Die Nachrichten von hohen Infektionszahlen bei den betroffenen Chören, etwa in Berlin, Amsterdam, Frankreich und Mount Vernon in den USA, verunsicherten die internationale Chorszene, darunter rund vier Millionen aktive Chorsängerinnen und -sänger allein in Deutschland. An Chortreffen war erst mal nicht zu denken, zumindest nicht in der gewohnten Form. Alleine schon durch die allgemeine Kontaktbeschränkung, die ab dem 22. März 2020 Versammlungen von mehr als zwei Personen aus verschiedenen Haushalten generell untersagte.
Der Verzicht auf das gemeinsame Singen war ein schwerer Schlag für viele Menschen. Auch für die Sängerin, Stimmbildnerin und Chorleiterin Agnes Schmauder, die im Raum Ulm mehrere Ensembles leitet. „Zuerst war das natürlich ein totaler Schock zu merken, dass ich die Arbeit, die ich gerne mache, gerade nicht mehr weiterführen kann“, erinnert sich Schmauder. „Ich habe mich dann relativ schnell entschieden, auf Zoom-Proben zu gehen. Das heißt, wir haben Online-Proben gemacht. Obwohl ich meine Sängerinnen und Sänger dabei nicht hören konnte, war es total schön, überhaupt die Möglichkeit zu haben, sich zu sehen!“
Mediale Ersatzlösungen
Proben mithilfe von Software für Videokonferenzen: Das war ein gängiger Weg, mit der räumlichen Trennung umzugehen und in Kontakt zu bleiben. Die süddeutsche Chorleiterin Katharina Grossmann hat eine andere Richtung eingeschlagen: „Ich habe meinem Chor ein Video aufgenommen mit Stimmbildungsübungen. Und Stücke, die wir im Repertoire haben, habe ich am Klavier eingespielt, so dass sie ihre Stimme dazu singen können.“
Die medialen Ersatzlösungen haben vielen Chören über die erste Phase der Pandemie hinweggeholfen. Einer von unzähligen Belegen für die Anpassungsfähigkeit der Chorszene – und für die große Bedeutung, die der Chorgesang im Leben von Millionen Menschen einnimmt. Aber diese Art zu arbeiten ist nicht für jedes Ensemble gleich gut geeignet, etwa weil der Umgang mit der modernen elektronischen Kommunikation vielen fremd ist, oder weil sich eben kein echtes Chorgefühl einstellt, wenn jeder und jede zu Hause auf den Bildschirm starrt und für sich singt, ohne die anderen zu hören und zu spüren.
Umso befreiender wirkten dann die ersten Lockerungen, als einige Bundesländer das gemeinsame Singen an frischer Luft erlaubten. Auch da demonstrierte die Chorszene ihre unerschütterliche Kreativität – etwa in Hamburg, wo die Chöre sich Ende Mai 2020 den öffentlichen Raum erschlossen. Mit Proben auf Schulhöfen, in Parkhäusern – oder auf der Tribüne eines Fußballstadions, wo der Harvestehuder Kammerchor statt Anfeuerungsrufen sanfte Klänge von Brahms in die Arena schickte. Unterstützt von der Schallreflexion der Tribünenwände, funktionierte die Freiluft-Akustik erstaunlich gut. „Ich war am Anfang etwas skeptisch mit Outdoor-Proben“, gestand der Chorleiter Edzard Burchards im Anschluss, „aber hiermit kann ich mich anfreunden, hier klappt das.“

Mendelssohns Zyklus der „Lieder im Freien zu Singen“ wurde plötzlich überraschend aktuell. Aber auf das Sommerhoch 2020 folgte die Herbst- und Winterdepression, mit einem erneuten monatelangen Präsenzverbot. Zurück auf Los, auf den Online-Betrieb.
Ernüchternde Bestandsaufnahme
Welchen Schaden die mehrfachen Zwangspausen in der Chorlandschaft hinterlassen haben, dokumentiert eine Studie der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, die im vergangenen Jahr in Kooperation mit dem Stuttgarter Carus-Verlag entstanden ist. Rund 4 400 Chöre aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, überwiegend aus dem Amateurbereich, hatten sich mit anonymen Selbstauskünften im März 2021 an der Bestandsaufnahme beteiligt. Der damalige Stand war eindeutig. „Nur ein Drittel der Chöre ist gerade in seiner vollen Stärke aktiv“, sagte die Studienleiterin Kathrin Schlemmer. „Ein weiteres Drittel ist leicht reduziert, und das letzte Drittel hat erhebliche Verluste zu verzeichnen.“ Besonders dramatisch sei die Situation bei Kinder- und Jugendchören gewesen, so Schlemmer, wo zwölf Prozent zur Zeit der Erhebung nicht mehr aktiv waren.
Das Verbot von Präsenztreffen hatte demnach viele Chöre vor die Existenzfrage gestellt. Aber mittlerweile ist die Situation grundlegend verändert, gerade durch die Möglichkeiten zum Impfschutz. Die Omikron-Variante hat zwar die Infektionszahlen in die Höhe getrieben und macht auch vor Chorgemeinschaften nicht Halt, die derzeit mit unterschiedlichen Auflagen proben und auftreten dürfen – doch auch diese Phase der Pandemie wird die lebendige Chorszene nicht kleinkriegen. Das „Jahr der Chöre“ ist ein weiteres Signal für ihre Widerstandsfähigkeit und Hingabe.